Halbjahresgeburtstagsabschiedsfeier – Adiossos Kiwis :-)

Juhu, wir sind wieder arbeitslos! Endlich wieder ausschlafen bis kurz nach Sieben, wenn die Sonne es zu heiß im Auto werden lässt, endlich einfach nur herum hängen am Tag wie man Lust hat, ohne sich pingelich an Pausen halten zu müssen, endlich Strafzettel abbezahlen eh der Discount verfällt, endlich mal andere wichtige Dinge erledigen, die schon längst anstehen, endlich mal keine Kiwi-Pflanzen, -Früchte, -Blüten, Gartenscheren, Bandtucker, Strickspanngeräte und Gummistiefel mehr als Tagbegleiter :-) Wir haben drei Wochen und einen Tag harte Feldarbeit erfolgreich hinter uns gebracht, sind auch ein wenig stolz, da wir nie gedacht hätten, so etwas so lange auszuhalten! Und die Reisekasse hat ja auch davon profitiert, stein-kiwi-reich sind wir geworden! ;-)
Am Montagabend haben wir bloß noch auf unserem Parkplatz neben Yanna und Markus gestanden, Tür an Tür mit Bier und Wein, haben erzählt, gelacht, erzählt bis gegen Elf. Ich muss entschuldigen, dass ich Yanna, die sich eher unwissend jahrelang selbst mit J schrieb bis sie erfuhr, wer sie wirklich war, bisher total falsch geschrieben habe. Also ab jetzt statt Jana Yanna, ist aber dieselbe :-) Übrigens haben wir verblüfft festgestellt, dass sie sich vor Reisebeginn genau für denselben Rucksack entschieden hat wie ich nach meiner langen Suche!
Am Dienstag ging es, ganz ungewohnt, nach dem verfrühten Frühstück noch ins Pak’nSave, da ein besonderer Tag anstand: Ich beging heute, am 16.11.2010, zum ersten Mal im Leben eine Halbjahresgeburtstagsfeier und das tausende Kilometer entfernt von Zuhause auf einer Kiwi-Plantage mit Feldarbeitern als Geburtstagsgästen! Und weil Mittwoch außerdem unser letzter Arbeitstag werden sollte, nutzten wir die Gelegenheit, beides mit einem Abwasch zu erledigen – Halbjahresgeburtstagsabschiedsfeier! :-) Wir kauften einen Schokokuchen und… Stollen! Deutschen Stollen, der hier im Pak’nSave direkt neben Marzipan und Bahlsener Lebkuchen im Regal stand! Dieser Stollen musste schon sein, nun da ich einmal im Leben fast in der Vorweihnachtszeit Geburtstag hatte! Da spielte auch keine Rolle, dass wir am anderen Ende der Welt waren, hier heute noch bis zu 30°C bei strahlender Sonne werden würden – es gab Stollen zum Geburtstag! :-) Cool! Doch vorerst blieb alles verborgen bis zur Mittagspause. Die Arbeit war ätzend wie lange nicht! Wolfi und ich bekamen einen neuen, gemeinsamen Auftrag – mal wieder so undurchdacht wie ebenfalls lange nicht! Im größten Kiwi-Block sollte Wolfi ausgestattet mit einem Spaten (nicht zum Ausgraben, sondern Abhacken!) die meterhoch gewachsenen Unkräuter zwischen den Kiwipflanzen beseitigen, während ich mit 15kg-Fass auf dem Rücken, Spray-Schlauch rechts und Pflanzenschutzhülle links in der Hand, folgte und um jede Pflanze gegen neues Unkraut sprühte! Phil und Jens wiesen uns ein. Ich sprühte los und zumindest Phil bemerkte, dass es ziemlich unpraktisch war, zwei Dinge in den Händen zu halten und noch alle paar Meter pumpen zu müssen, damit mehr Sprühmittel herauskam. Jens hingegen wollte am liebsten, dass ich noch zwei weitere Aufgaben gleich mit erledigte, bis Phil ihn darauf hinwies, dass das unmöglich war! Neues Einstellungskriterium: dreiarmige Arbeiter, scherzte Phil. Hmmm… Auch wurde nicht darauf hingewiesen, dass es besser sei, eine Schutzjacke anzuziehen. Vorsichtshalber hatte ich zum Glück bereits meine Fleecejacke abgelegt und stattdessen trotz Hitze eine Regenjacke angezogen. Zum Glück… Auf die Frage, ob das Zeug sehr giftig sei, wurde mir nur geantwortet, man bekäme das in jedem Baumarkt, aber es erst einmal wie ein echtes Gift zu behandeln, wäre ja auch nicht verkehrt! Klang schon komisch, diese Antwort! Wolfi begann zu stechen, ich zu sprühen! Zuerst taten wir das trotz Anleitung so unkoordiniert, dass letztlich Wolfi in mein Gesprühtes greifen musste, um sein Unkraut zu entfernen! Phil und Jens ließen uns allein. Wir liefen in der sengenden Hitze weiter, Wolfi schon nach einer Reihe halb tot, da das Unkraut zum Teil über einen Meter hoch wucherte und wirklich überall stand! Aussichtslos, er war ein Rasenmäherersatz, dessen Werkzeug dazu auch noch ein Spaten darstellte! Sichel oder gar ein elektrischer Trimmer wären ja zu einfach gewesen, gab es hier auch gar nicht! Ebensowenig wie ausreichend Schutzhandschuhe… Würde ja auch bloß die Arbeit erleichtern! Mir lief in meiner leucht-orangen Regenjacke nicht nur der Schweiß innen, sondern das Sprühmittel von oben herunter, da das Zeug in dem Kanister auf meinem Rücken scheinbar schäumte und durch ein kleines Deckelloch entwich. Meine Schultern machten sich auch schon bemerkbar unter den 15kg, alles Mist! Mittlerweile folgte ich Wolfi, sodass er vor mir Unkraut vernichtete und ich erst nach ihm sprühte (so wie es auch sein sollte). Doch das ging nicht, denn Wolfi war natürlich viel langsamer als ich! Undurchdacht! Wie konnten die Wolfi einen Spaten für so eine Aufgabe geben und mir als kleine Person und ohne Schutzanzug diesen Sprühkanister auf den Rücken setzen?! Super! Ich stellte entsetzt fest, dass mir das Zeug auch in den Haaren hing, da mein Zopf außerhalb der Regenjacke war! Er klebte ekelhaft! Nach einer Stunde rief ich dem vorbeifahrenden Jens zu, er möge kommen, es wurde Pause und von Jens mal wieder keine Spur! Niemand wusste, wo er war. Wir machten weiter, riefen Jens vergeblich auf seinem Handy an, doch der tauchte erst nach fast vier Stunden kurz vorm Mittag auf! Ich hatte mir mittlerweile ebenfalls einen Minispaten plus kaputte Handschuhe gesucht, um Wolfi zu helfen, der das Unkraut kaum allein bewältigen konnte und so erschöpft aussah, dass ich ihm andauernd erzählte, er solle es einfach ganz lassen. Als Jens uns so entdeckte, entschuldigte er sich noch während er vom Fahrrad sprang. Wir machten ihm klar, dass das eine unmögliche Aufgabe war und er sagte allen Ernstes, dass er dann doch erst den Rasenmäher durchschicken würde, damit das gröbste weg ist und nur die Seiten per Hand gemacht werden müssten… Super Idee, stimmten wir ihm ironisch zu! Klasse, wirklich! Er änderte spontan den Plan und wir sollten nun wieder unseren vorigen Aufgaben nachgehen. Wolfi hatte wieder neue Schnüre zu spannen, ich erneut die Männer zu versorgen, bei denen ich eigentlich erst kürzlich war! Also noch einmal und dieses Mal schnitt ich einfach so viel ab, dass es anders aussah, egal ob richtig oder falsch! Gott, wurde es Zeit, dass unser Arbeitsende nahte, war ja unfassbar heute! Aber man kann es auch eigentlich nicht verübeln, denn die Plantage war noch jung und unerfahren, Jens wollte zumindest absichtlich niemanden quälen, es lief nur alles noch zu durcheinander und unorganisiert! Rasenmäher vorher, schon besser… Endlich war Mittagspause. Wolfi meinte halb aus Spaß, halb im Ernst, wir sollten den Kuchen gar nicht rausrücken. Natürlich taten wir es aber und alle freuten sich, waren drauf und dran ein kleines Lied anzustimmen. Ich erklärte, sie wären alle meine ersten Gäste auf einer solchen Feier, zu der es auch noch nie deutschen Stollen gab, und wir kündigten zugleich unser morgiges Verlassen an. Stollen als auch Schokokuchen kamen super an, egal ob bei uns Deutschen oder bei den Engländern und Phil! Danach ging die Arbeit weiter und wir drückten uns am Ende nur noch herum, um nicht noch eine weitere Aufgabe zu bekommen. Endlich Feierabend! Ekelhaft verdreckt und verklebt und verschwitzt fuhren wir mit Yanna und Markus an den Strand nahe dem Hafen, sprangen kurz ins eiskalte Meer und duschten uns den Dreck unter einer Toilettenkaltdusche von Haut und Haar. Uh, das war saugut, nur meine Haare klebten auch danach noch weiter und rochen merkwürdig, sodass wir kurz hinter Joy verschwanden, schnipp… Und tadaaaa: Ich tauchte vor Yanna und Markus eine Minute später mit viel kürzeren Haaren auf! Die waren verblüfft, uns gefiel’s. Hatten wir eh schon lang vor! Wolfi, mein Lieblingsfrisör, hatte es fast perfekt hinbekommen! Endlich waren meine Haare, die sich nur noch wie eine Filzmatte anfühlten, im Müll eines Strandmüllkorbs versenkt :-) Ist eh unpraktisch hier, wo es kaum mal ‘nen Fön gibt. Erfrischt und sauber stürzten wir in den Pak’nSave, kauften für eine Bolognese ein, denn heute wollten wir uns was Warmes zusammen kochen! Das taten wir dann auf den Spielplatzbänken neben unserem Schlafparkplatz. Eine Bank war Kochecke, eine Essecke. Das Essen war super, dazu stießen wir mit Wein hier aus der Hawke’s Bay an! Wir haben uns in Neuseeland noch nie so richtig was aus echten Zutaten gekocht! Also beschlossen wir, das am nächsten Tag zu wiederholen. Yanna und Markus wollten sich sowieso einen richtigen Kocher kaufen. Toll!
Am Mittwoch ging es auf in den letzten Arbeitstag! Jens verbreitete die aktuellste Meldung über die Kiwi-Krankheit, die an der Bay of Plenty vor einigen Tagen ausgebrochen war, denn sie war nun auch hier in der Hakwe’s Bay angekommen! Daher strenge Desinfektionsvorschriften und ein großes Warnschild an der Einfahrt. Interessanterweise ist dieser Kiwi-Töter ein Pseudomonas-Keim, den es auch in einer für den Menschen gefährlichen Untergruppe gibt. Kiwi-Plantage und Krankenhaus, kaum ein Unterschied… ;-) Wir begannen mit den uns vertrauten Aufgaben: Wolfi Stricke, ich Männer. Bei dem heißen Wetter kam Wolfi die folgende Aufgabe sehr recht. Auf einem Mountainbike fuhr er den großen Kiwi-Block ab, während die Wassersprenger sprühten. Er sollte überprüfen, ob diese alle funktionierten, nach Lecks suchen und gegebenenfalls in Stand setzen. Klitschnass kam er stets zu den folgenden Pausen, aber es schien in Ordnung zu sein. Heute zum letzten Tag war die Arbeit also ganz angenehm. Ich ließ mir viel Zeit, bummelte lange herum, machte noch einmal Fotos von Allem, das wir dann wohl nicht wiedersehen werden! Es boten sich viele schöne Fotomotive zum letzten Tag und ich dachte nach: Insgesamt war die Kiwi-Plantagen-Zeit eine gute Erfahrung! Wir haben durchgehalten, wir haben Arbeit gemacht, die wir uns nie im Leben erträumt hatten, wir haben viel über neuseeländische Kiwis und deren harten, langen Weg erfahren, haben das Leben eines echten Feldarbeiters kennen gelernt, blaue Flecke, Muskelkater und Sonnebrände abbekommen, wirre und unkoordinierte Abläufe teils belustigt, teils gequält ertragen und nette, interessante Menschen und Freunde kennen gelernt! Wir denken, dass der noch wirklich teils chaotische Ablauf auf der Plantage sich nach und nach legen wird. Weder Jens noch die festen Mitarbeiter haben bisher darin Erfahrung, was man spürt. Aber wir wünschen alles Gute und drücken die Daumen, dass die Mission Kiwi-Planatage von Erfolg gekrönt wird! Wir verabschiedeten uns nett von Allen: Zuerst von Jens, der früher weg musste. Er hatte uns aufgrund der akuten Kiwi-Krise gefragt, ob wir nochmals länger bleiben könnten, doch wir verneinten. Irgendwann musste Schluss sein und es war so weit! Er bedankte sich sehr nett bei uns für die Hilfe und lud uns ein, auf unserer Rückreise noch einmal vorbeizuschauen, um die ausgewachsenen Kiwis zu verkosten. Wir stellten dem guten, alten Phil zum Dank für das viele Wasser dieses letzte Mal statt eines leeren Kanisters eine Flasche Wein mit Dankzettelchen auf die Ladefläche, hatten ein Abschlussgespräch mit Klaus, in dem wir auch ganz ehrlich sagten, wo unserer Meinung nach Fehler steckten, was anders ablaufen sollte und verließen die Plantage zum letzten Mal, wie das immer so gesagt wird, aber eben auch ist: mit einem weinenden und einem lachenden Auge! Noch einige Tage wird der Kiwi-Dreck in unseren Fingerfurchen hängen, für immer aber vielleicht die Erinnerung, wie man einen Kiwi-Pflanzen-Trieb wickelt, der sich so schön weich und anschmiegsam anfühlt, wie hart Arbeit sein kann, von der manche Menschen leben müssen, die dafür viel weniger Geld bekommen, als so manch einer der mit einem einfacheren Job die Kohle hinterher geschmissen bekommt. So ist das Leben! Und wir vergaßen unsere zum Trocknen ausgebreiteten Klamotten auf der Plantage… Auch so ist das Leben! :-D Yanna und Markus werden sie uns am nächsten Tag wohl mitbringen müssen!
Nach einer Dusche und Einkauf trafen wir uns mit Yanna und Markus auf dem Parkplatz wieder. Legten Bier auf Eis, bauten deren neuen Gaskocher auf, zupften und wuschen frischen Blattspinat, kochten Nudeln, dünsteten den Spinat, ließen Blauschimmelkäse darin zergehen, ebenso Käsecreme und fertig war ein Traumessen: Nudeln in Blattspinat-Gorgonzola-Sauce! Der Hammer! Es blieb nix übrig und am kommenden Abend wird wieder gekocht! Allerdings werden wir dann ausgeruht und entspannt sein, während die anderen beiden erschöpft von der Arbeit kommen! Auch mal toll! :-D Wir werden voraussichtlich am Sonntag oder Montag erst aus Napier aufbrechen, da wir noch ein Abschiedslagerfeuer planen, ein Ukulele-Festival besuchen wollen und noch genug Zeit haben, eh uns die Fähre in den Süden bringt.
Gut geschlafen haben wir heute Nacht, bis nach Sieben! Wir genießen den ersten Morgen unserer neuseeländischen Arbeitslosigkeit: Ich stand auf und setzte mich auf den Spielplatz zum Bloggen. Kurzzeitig gesellte sich ein älteres Göttinger Pärchen vor mir auf die Bank, nachdem es sich bereits ganz unüberrascht auf Deutsch für die Störung entschuldigt hatte. Sie planten ihre weitere Reiseroute auf dem Spielplatz, auf dem ich blogge. Merkwürdig, was? Man ist überhaupt nicht überrascht, Leute von ganz nah aus der Heimat zu treffen, so weit weg?! Auch Wolfi kroch vor einigen Minuten aus dem Bett. Wir frühstückten, werden nun einige Wege erledigen… Auf geht’s!

Oh, noch was: Klaus hat gestern erzählt, Kiwis würden sich im Packhaus bis zu acht Monate halten! Deswegen gibt es die scheinbar auch so komplett außerhalb der Erntesaison zu kaufen!

Neue Bilder gibt es in den letzten zwei Artikeln und hier zu diesem auch! ;-) Viel Spaß!

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