Schnäppchen-Einkäufe, fast unfassbare Begebenheiten und erste Wwoof-Erfahrungen

Hm, unser geplantes Vorhaben klappte noch nicht, wurde verschoben auf den heutigen Mittwochnachmittag… Wir werden berichten! Erstaunt waren wir gestern als ganz plötzlich und unverhofft unser Autoradio wieder ansprang! Können uns nicht erklären, warum… Hat es einfach so gemacht. Trotz allem empfangen wir damit hier nur wenige (schreckliche) Sender, da Joy ein japanischer Import zu sein scheint. In Japan wird ja auch links gefahren, allerdings hören die niedrigere Radiofrequenzen, sodass das vorprogrammierte Spektrum in Neuseeland nur wenig abfängt und wir deutschen Reisenden letztlich verblöden… :-/

Viele Stunden des Dienstags haben wir in Woodvilles Straßen verbracht, haben lange geinternettet und kleine, interessante Second-Hand-Shops durchwühlt. Woodville hat sehr viele Namensvettern überall auf der Welt, die auf einem großen Schilderbaum inklusive Entfernungsangaben mitten in der Stadt geschrieben stehen. Am Nachmittag sind wir schließlich in Richtung Ashhurst davon gefahren. Die Fahrt war ziemlich spektakulär, da wir schon nach wenigen Metern auf eine hohe Brücke stießen, in deren darunter fließenden Fluss vor toller Landschaft einige Jugendliche von meterhohen Klippen in das Wasser sprangen. Es wirkte fast lebensmüde, doch scheinbar wussten sie, was sie taten und keiner hat Schaden genommen! Wir werden es ganz sicher nicht nachahmen! Auch die nächsten Kilometer waren aufregend, weil wir auf schmaler Straße Kurven und Klippen überhalb eines großen Flusstals entlang fuhren. Wir rechneten nicht damit, noch einmal nach Woodville zurückzukehren, doch war der kleine, günstige Campingplatz so hübsch und familiär, dass wir beim Anblick des nur 16km entfernten Ashhursts bald umkehrten, über eine andere Strecke durch schönste Weidehügel voller Schafe nach Woodville zurückfuhren. Hier wunderten wir uns mehrfach über ein Schild, dass eine große Windfarm ankündigte. Wir waren gespannt und erblickten am umworbenen Lookout-Point einfach bloß viele Windräder, wie man sie in Deutschland überall findet. Jedoch sind diese hier so selten und neuartig, dass es gleich als Sehenswürdigkeit ausgeschrieben wird! Krass, und ganz hübsch sahen deren Riesenschatten auf den grünen Hügeln ja doch aus. Wolfi war schon längst aufgefallen, dass es hier trotz vieler windiger Regionen kaum solche Windkrafträder gab.

Unseren Campingplatz haben wir unter freudiger Begrüßung der Dauercamper erneut bezogen. Wir bereiteten uns ein Abendbrot, was dank Sommerzeit nun selbst noch locker gegen Acht im Hellen möglich war.

Die Nacht vom Dienstag zum Mittowoch war gut, das Frühstück am Mittwochmorgen auch. Da wir noch in Woodville waren, hatten wir nun auch die Möglichkeit einen Autokühlschrank in einem weiteren Second-Hand-Shop zu erwerben, den wir dort gestern schon im Schaufenster bestaunt hatten. Da hatte aber der Laden zu und am Telefon erklärte die (wie sollte es anders sein…) deutsche Inhaberin Wolfi, dass sie am Mittwoch wieder im Laden sei! Heute war also geöffnet und wir hielten uns gleich eineinhalb Stunden in den interessanten Shopräumen der älteren, seit zwanzig Jahren in Neuseeland lebenden Deutschen auf. Überall entdeckten wir Dinge, nach denen wir schon lange gesucht hatten… Die Verkäuferin bot uns viel Hilfe an, gestattete uns alles, für das wir uns interessierten, direkt auszuprobieren und erzählte uns nebenbei sehr, sehr viel von ihrem Auswanderer-Leben, ihrem Laden und Neuseelands Eigenarten im Vergleich zu Deutschland. Sie ist übrigens auch Couchsurf-Gastgeberin… Hätten wir das früher gewusst! Nun ja, nach zwanzig Jahren in diesem Land hatte das Deutsch der Frau schon ganz andere Klänge angenommen, auch Wortfindungsstörungen zeigten sich zwischendurch. Interessant, der Laden als auch die Verkäuferin beeindruckten uns und wir kamen kaum los. Unser Einkauf bestand letztendlich aus einem für Joys Verhältnisse ziemlich großen 20l-Kühlschrank, der über den Zigarettenanzünder angeschlossen wird, einen 600ml-Wasserkocher mit selbem Anschluss, und einem Klapptischchen – alles zusammen für exakt 100 Dollar! Einzeln hatten wir danach ja auch schon geschaut und hätten beinah bereits für die selben drei Sachen über 280 Dollar ausgegeben! Wow, das war ein Einkauf!!! Frage mich bloß, wie wir das nun alles sinnvoll unterbingen sollen?! Große Umräumaktion steht an! Als ich gerade dabei war, noch ein paar Fotos von dem interessanten Geschäft mit unserem Einkauf davor zu machen, kam zögerlich eine Maori-Frau heran, die mir aus irgendeinem Grund schon aufgefallen war… Ich wusste nur nicht, wieso! Sie fragte, ob es möglich sei, dass wir vor einem Monat in Gisborne waren und ich bejahte, während es mir wie Schuppen von den Augen fiel! Sie war die Frau, die zusammen mit einer anderen Dame und einigem Wein intus, zu uns kam als ich mich kämmend im Schlafanzug auf einem Parkplatz am Meer in Gisborne bettfertig machte! Sie war damals noch nüchterner als ihre sehr betrunkene Freundin und erzählte uns immer wieder, wir sollten stets nur dort bleiben, wo wir uns sicher fühlten… Ein Satz, der uns auch hängen blieb! Ja, was machte die hier nun vor uns? Sie sagte, sie hätte uns am Autobett wieder erkannt!!! Damals standen die beiden auch wirklich nah an meiner Bettseite und staunten noch, dass es eine Eigenkonstruktion war! Wir freuten uns sehr über das Wiedersehen und auch Wolfi bekam nun mit, wen wir hier gerade vor uns hatten. Wir erzählten ihr von unserer Reise, erwähnten, dass wir immer nach ihrem Rat gereist und damit bisher vor allem Unheil gut beschützt gewesen seien und dass das sogar in unserem Internet-Blog stand. Sie freute sich! Die freundliche (und dieses Mal auch ganz nüchterne) Maori-Dame lebte tatsächlich hier in Woodville! Mal wieder ein fast unfassbare, schöne Begebenheit! Schade, dass ich verpasst habe, ein Foto von uns allen zu machen! Was man nicht hier so alles erlebt…!

In der warmen Sonne spazierte ich noch in eine Foto-Galerie eines deutschen Künstlers namens Helmut Hirler, der bereits zwei Mal den Kodak-Preis gewonnen hatte! Gute Empfehlung von der Second-Hand-Verkäuferin, denn hier gab es wirklich traumhafte Bilder von der ganzen Welt zu sehen: über den jüdischen Friedhof in Prag (sofort wiedererkannt), Irland, Patagonien, Deutschland bis Neuseeland natürlich. Ebenfalls auf Anraten der Verkäuferin haben wir danach einen kurzen 10min-Walk durch den Wald nahe der großen Brücke von gestern unternommen. Der Wald besteht hier aus tausenden Farnen, vielen palmenartigen Bäumen, welche durch Lianen geschmückt werden. Wenn sich dazu noch die Sonne ihren Weg durch das dichte Blattwerk sucht, wirkt das alles richtig verwunschen. Am Waldesrand fanden wir eine sehr schöne Blumeninsel.

Die Zeit drängte, unser Termin nahte und plötzlich spuckte Joy auch noch die von Anfang an verklemmte Adapter-Kassette aus, wegen welcher wir bisher nie mehr den Kassettenteil des Radios nutzen konnten! Hatten schon mit derbsten Werkzeugen daran herumgemacht und sie nicht raus bekommen! Wow, Joy reparierte sich also weiterhin von selbst. :-) Wir entschieden uns deshalb, schnell noch einmal zurück zu dem Second-Hand-Shop zu fahren, um ein Packen Musik-Kassetten zu kaufen, wider den schlechten Musiksendern. Die Verkäuferin freute sich, wir suchten fünf Kassetten uns leider unbekannter Interpreten heraus (mehr war von der zuvor angepriesenen großen Sammlung doch nicht übrig) und wurden dann noch einem amerikanischen Ehepaar vorgestellt, dass es sich auf einem der zum Verkauf stehenden Sofas gemütlich gemacht hatte. Wir erfuhren, dass sie ebenfalls Dauerreisende waren, im Jahr je sechs Monate in Neuseeland und sechs Monate in den USA verbrachten, aus denen sie ursprünglich auch kamen. Sie haben irgendwann Haus, Garten und sämtlichen Besitz über ebay verkauft, um frei zu sein, genießen nun ihr Leben jenseits aller Sorgen um Haus und Gut und zugegeben, sie sahen wirklich einfach nur zufrieden aus. Sie waren uns irgendwie sehr sympathisch und man konnte nachempfinden, was sie mit der Erläuterung ihrer Lebensweise ausdrücken wollten! Kurze, aber tiefe Begegnung, nach der wir uns ein leckeres Eis besorgten um dann wirklich endlich aufzubrechen. Woodville war toll! Auf der Fahrt zu unserem Vorhaben kamen wir nochmals an der Windfarm vorbei, befuhren kurz den Lookout (dieses Mal ganz oben) für ein paar Bilder und weiter ging es.

Doch wohin nun? Aaaaalso, wir haben uns für einige Tage bis eine Woche einen Wwoofing-Platz etwa 50km entfernt von Woodville organisiert und da sind wir heute Nachmittag nach Verabredung angereist. Bereits die Adresse der Farm stellte eine kleine, aber überwindbare Schwierigkeit dar: Straßennummer 1707?! Zum Glück erklärte uns Vivian, der Wwoof-Gastmann, bereits am Telefon, was dies bedeutete: Haus Nummer 1707 ist dasjenige, welches 17,07 Kilometer entfernt von dem Ort lag, nach welchem die zugehörige Straße benannt ist. So können Rettungsdienste die abgelegensten Winkel sicher finden! Gutes System! Und nach kurzem Falsch-Besuch der Nachbarfarm fanden wir doch ganz zügig das richtige Grundstück, weit ab von jeder größeren Zivilisation, bloß umgeben von grünen Hügeln, Weiden, Kühen, Schafen und weiten, weiten Ausblicken. Wir fuhren die Einfahrt hinein, wurden sogleich von Vivian, einem 60-jährigen Mann mit Sonnenhut, begrüßt. Reflexartig sperrte Wolfi Joy ab, woraufhin Vivian erklärte, dass dies hier ganz sicher nicht nötig sei und sein Autoschlüssel seit zwanzig Jahren stets im Zündschloss steckte! Umgewöhnen in dieser menschenverlassenen Gegend! Das Haus war ein wahrer Traum, der Garten ein Paradies. Unser Zimmer bot riesige Fenster mit Blick auf Garten, Blüten und blauen Himmel, sonnendurchflutet, ein großes Doppelbett, sehr liebevoll eingerichtet, samt eigenem Bad daneben und Zugang per Flügelglastür auf die Terrasse mit den herrlichen Rosen! Boah, sowas nach fast zwei Monaten Autoleben! Wir staunten nicht schlecht, packten schnell unsere Kisten ins Zimmer und machten uns zusammen mit Vivian auf einen gemütlichen Gartenrundgang. Das Grundstück umfasst fünf Ar (ca. zweieinhalb Hektar, früher aber mal riesig mit vielen, vielen Hektar), besteht aus einem äußerst gepflegten Garten, in dem alles wächst, was man sich vorstellen kann: herrlichste Duftrosen, Magnolien, Mohnblumen, Lilien, Fuchsinien, Erdbeeren, alle anderen Beeren, Rhabarber, Wein, Äpfel, Birnen, Zitrusfrüchte (wir naschten eine Grape direkt vom Baum), jegliches Gemüse von Kartoffeln, Süßkartoffeln über verschiedenste Bohnen, Erbsen, Salate, Spinat, Tomaten, Paprika, Zucchini, Gurken, Spargel, Rote Beete bis hin zu Avocados, Artischocken, Auberginen (Egg-Plants), Kräutern sowie vielen anderen Gewächsen, deren Namen wir gar nicht übersetzen können! Selbst zwanzig Reispflänzchen stecken hier hoffnungsvoll im Boden! Außerdem gibt es über fünfundzwanzig verschiedene Vogelarten (Schafe und Kühe nur nebenan auf den Farmen) und Ausblicke bis zu den Vulkanen des Tongariro Nationalparks, in welchem wir vor über einem Monat waren, sowie einem weiteren, über einhundert Kilometer entfernten Vulkan namens Mt. Egmont (Gruß an unsere Tante ;-) )! Ein Wahnsinn! Und hier sollten wir dem Mann nun bei der Gartenarbeit gegen Kost und Logis helfen, hauptsächlich Unkraut entfernen und Mulch auf die Beete verteilen. Im Haus lebt des Weiteren Vivians Frau namens Susi, einer viel beschäftigten, vegetarischen Schauspiel-Lehrerin und Songwriterin, die wir aufgrund ihrer Vielbeschäftigtkeit aber bis zum Spätabend gar nicht zu Gesicht bekommen haben. Sie verlässt wohl morgens gegen halb Sieben bereits das Haus und kehrt scheinbar abends teils erst nach Zehn (denn das ist es jetzt längst und die Vogeluhr, welche stündlich ein anderes Vogelgeräusch von sich gibt, hat soeben den Edeka-Weihnachtsmann imitiert) zurück. Wäre aber bestimmt interessant, sie bald mal zu erleben, da sie Gitarre spielt! Und dann lebt hier momentan wieder der Sohn Luke mit seiner Freundin Kate, beide 25 Jahre alt. Die beiden kamen gerade von der Arbeit in einer 30km entfernten Stadt zurück als unser Gartenrundgang beendet war. Sie machten sich aber sogleich wieder zum Joggen auf, sodass unsere Begrüßung erst später statt fand. Wir versuchten, so gut es ging, Vivian bei den Essensvorbereitungen zu helfen. Hier sollte erwähnt werden, dass die Familie, so weit es geht von ihren eigenen organischen Gartenprodukten lebt: also viel Grünzeug und Regenwasser aus einem Reservoir zum Trinken. Wir standen da nun plötzlich in einer fremden Küche zwischen frischen Salatköpfen und echtem Spinat, der bis eben noch im Boden steckte. Wir wuschen und rupften den Salat, schnitten ganz viel Schnittlauch daran, bereiteten Balsamico-Öl-Dressing zu, deckten den Tisch mit Kate, während Vivian kleine Wildkartoffeln sowie den Spinat kochte und Spiegeleier briet. Kein Fleisch, alles gesund und zumindest für mich einfach nur lecker! Wolfi lief wohl weniger das Wasser im Munde zusammen. Nachdem wir alle die erste Portion weg hatten, fragte Luke, wo denn eigentlich der Spinat sei und tatsächlich hatte bisher niemand bemerkt, dass dieser noch gar nicht auf dem Tisch stand, grün genug war es ja schon! Gab also erst zur zweiten Portion den frischen Spinat, der nur in Wasser ohne alles gegart wurde. Die Atmosphäre war ein wenig gedämpft, war sie auch vorher schon irgendwie. Wir kamen uns in den Zwischenzeiten vor und nach dem Essen teils etwas nutzlos vor, da auch niemand wirklich ein Gespräch begann oder uns miteinbaute… Wussten nicht, was wir tun sollten, ob wir etwas helfen konnten, fragten natürlich nach, aber das brachte uns auch nicht wirklich weiter. Es wurde viel geschwiegen, Vivian las in jeder freien Minute vorm Kamin. Nach dem Essen saßen wir wieder schweigend auf der Couch, umschmust vom lieben, dicken Hauskater Arthur (einziges Haustier), bis Vivian mein Buchinteresse entdeckte, mich in seine oberen Gemächer führte und mir neben den Traumausblicken durch die Riesenfenster auf den soeben statt findenden Sonnenuntergang, mehrere (zumeist spirituell angehauchte) Bücher in die Hand drückte. Er schien ein nachdenklicher Mensch zu sein, der seine Erfüllung suchte und sie auch irgendwie zum Teil schon gefunden hat. Wir fragen uns ein wenig, warum wir eigentlich hier sind, zumal die Stimmung insgesamt eben etwas merkwürdig ist. Vivian ist sehr nett, überlässt uns aber scheinbar auch mehr oder weniger uns selbst. Sicher müssen wir uns an diesen gedämpften, ruhigen Lebensstil erst gewöhnen, auch mal Stille und Nichtstun aushalten und zugleich noch mehr auftauen. Trotzdem setzen wir große Hoffnungen in Susi, die eben gerade doch noch nach Hause gekehrt ist und der ich binnen dreißig Sekunden im Flüsterton Hallo gesagt habe, da alle anderen schon im Bett lagen! Sie hatte lange, weiße Haare, eine große Gitarrentasche über der Schulter und wirkte sehr müde. Vielleicht lässt sie das Haus hier lebendiger wirken? Mal schauen, wie es morgen wird, wenn die Gartenarbeit für uns beginnt… Zum Frühstück gibt es hier zumindest Haferschleim… Klingt gut, was? Und Wolfi hat schon jetzt Fleisch-Sehnsucht!

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