Kontraste verschwimmen, ähnliche Unterschiede…?!

Am gestrigen Montag sowie am heutigen Dienstag bestand unsere Arbeit, die wir nach dem Frühstück gegen halb Acht begannen, aus Mulch transportieren und verteilen. Kann ganz schön in Rücken und Knie gehen, aber sieht toll aus hinterher! Nachdem alle Obstbäume endlich ummulcht waren, durften wir im Beeren-Kräuter-Käfig eine fette Schicht auffahren. Gut war, dass der Mulchberg von hier viel einfacher zu erreichen war, schlecht jedoch die vielen, vielen Winkelchen unter den ganzen Büschen und Kräuterpflanzen. Wolfi war mein Mulchlieferant, ich verteilte in Dauerhockkniekriechbewegung. Insgesamt haben wir viele Liter Schweiß verloren und bestimmt drei Tonnen Mulch bewegt, haben uns heute sehr über das hübsche Resultat gefreut und uns munter auf die Poppies (Mohnblumen) am Rande eines Zaunes gestürzt, die ebenfalls von Unkraut befreit werden sollten. Dies gestaltete sich nicht gerade einfach, denn teils waren die Unkräuter schlecht von den kleinen Mohnblümchen zu unterscheiden oder waren deren Wurzeln einfach fest in die der Poppies hineingewachsen. Gerade ich hatte hier nicht die allermeiste Geduld und Wolfi stellte bald fest, dass ich wohl eher der Aufgabe nachkam, Mohnblumen in einem Unkrautbeet zu zupfen… Vivian, der halb Eins aus Feilding zurück kam, fand jedoch sehr schön, was wir vollbracht hatten! Er lief mit uns vergnügt durch den Garten (haben noch gar nicht erwähnt, dass hier echte Eukalyptusbäume wachsen), erzählte uns von den Zukunftsvisionen seines grünen Paradieses und plante uns irgendwie schon fast wieder als Arbeitskräfte ein, wenn wir auf dem Rückweg aus dem Süden noch einmal vorbeiziehen würden. Zumindest sollen wir uns unbedingt bei ihm melden und wären sehr willkommen. Noch viele Tonnen Mulch würden folgen… Mit uns?! Naja, die heutige Arbeit war zumindest erst einmal getan und morgen werden die restlichen Mohnblumenzaunabschnitte fertig gestellt.

Gestern, also am Montagnachmittag, war Großstadtausflug angesagt: Auf ins 30km entfernte Palmerston North, zugleich etwa fünftgrößte Stadt Neuseelands. Unsere Autotürgriffsuche blieb erfolglos und was tut man sonst in einer großen Stadt als beschäftigter Work&Travel-Tourist? 1.) I-Site besuchen, die hier hübsch im Zentrum an einem gepflegten Rasenquadrat lag, dort Infos zu allen wichtigen Einrichtungen einholen: Waschsalon, Supermarkt, Internet, 2.) wichtige Einrichtungen abklappern: Waschsalon (haben nun doch schon mal zwei Maschinen in einem Salon gemacht, um den Regenwassertank von Vivian zu schonen), McDonalds, Supermarkt (sogar ein Pak’nSave), Tanken und nachdem alles Dringende erledigt war, schnell wieder zurück auf unsere abgeschiedene Farm um die Abendbrotszeit nicht zu verpassen! Die Antwort auf Susans und Kates (wird scheinbar doch nicht Cathy geschrieben) Frage, was wir denn in PalmNorth Tolles unternommen und angeschaut hätten, war uns fast peinlich… :-/ Zum Dinner gab es zuerst ein erfrischendes Ale-Bier, welches Luke selber braute, und als Hauptgang sehr leckeres Ei-Spinat-Quiche mit viel Käse – guuuut! Etwas später berichtete uns Vivian Garten-News: Die Raupen hätten ihren Raupenfutterstrauch leer geräumt. Wir liefen gespannt hinaus… Raupen, Raupenstrauch, hä? Und siehe da, wirklich! Noch nie haben wir je so viele schöne, große, weiche, schwarz-gelb-weiß geringelte Raupen gesehen! Sie hingen alle in einem kleinen Sträuchlein, dessen gesamtes Blattwerk nicht mehr vorhanden war. Eine nach der anderen nahm Vivian sie ab, sammelte sie in seiner Hand, um sie anschließend auf einem nicht-heruntergefressenen Strauch wieder auszusetzen. Während Wolfi sich lieber dem Fotoapparat widmete, sammelten auch Suzy (gegen Ende können wir bald jeden richtig schreiben) und ich die kleinen Vielfraße ein und setzten sie an anderen Sträuchern aus. In etwa drei Wochen würden daraus groooße, braune Schmetterlinge werden! Zum Abend versammelten wir uns zu viert (Kate und Luke zogen sich wie fast immer sofort in ihr Zimmer zurück, die sahen wir eigentlich kaum) vorm Fernseher und Vivian legte begeistert seine amerikanische Lieblingsserie ein: The Wires. Hässlich ging es in Baltimores Straßen zu, ich war einfach nur froh in Neuseeland gelandet zu sein und nicht in so einer kriminellen Gegend. Wolfi und ich schauten noch zwei weitere Teile bis verlockend süße Mulchträume uns ins Bett riefen.

Heute Nachmittag Kontrastprogramm, zugleich Geheimtipp von Vivian: Ab auf die entlegensten Straßen mit Ziel Ausblick, Natur und Landschaft genießen. Mehr als vier Stunden schlichen wir mit Joy über einige Schotterwege, viele kleine Sträßchen, entlang steilsten Abhängen, über mindestens zehn einspurige Brücken. Bei klarem Himmel und heißer Sonne ergaben sich wieder einmal herrlichste Sichten auf all das, was wir schon soooo oft beschrieben haben (hoffentlich gibt es auf der Südinsel was anderes zu sehen, sonst fehlen mir bald neue Worte…): weichgrüne Hügel voller Schafe, Kühe und des Öfteren auch Dammwild, Gebirge und Wälder meist im Hinter- aber auch mal im Vordergrund, große die Landschaft durchkreuzende Flüsse mit teils hohen Felsklippen. Und obwohl wir es schon so oft in irgendeiner Form hier erlebt hatten, konnten wir uns daran mal wieder nicht satt sehen. Hinter jeder Kurve und jedem Berg bot sich eine noch spektakulärere Szenerie – mal von oben, mal von der Seite und später aus einem Tal von unten. Immer wieder warf die Sonne etwas andere Licht-Schatten-Kontraste über die endlosen Weidehügel mit den terrassenartigen Ausläufern. Einfach Wahnsinn! Unseren ersten Stopp legten wir in einem Wald, Ruahine Forest, ein. Wir waren so müde von der Vormittagsarbeit, dass wir uns am liebsten einfach nur zum Schlafen aufs Autobett gelegt hätten. Doch wollten wir Vivian nicht enttäuschen und sind in den von ihm empfohlenen Waldabschnitt hinein spaziert. Wir wurden belohnt von einem Vegetationsmix aus Farnen, Palmen und Riesenbäumen, entdeckten sogar eine dicke, neuseeländische Waldtaube. Nach vielen, vielen Fotos kehrten wir zurück auf den Parkplatz und fuhren weiter bis an einen Campingplatz direkt am Pohangina River. Nach nur zehn Kilometern waren wir jetzt plötzlich in Kanada, wo unter hohen Klippen und tiefgrüner Umgebung ein zweigeteilter Fluss im Kieselbett wieder zusammenfindet. Bloß die Pappeln nahe der Campingwiese (auf der kein Auto weit und breit war) passten nicht so ganz, störten den Anblick aber keineswegs. Durch sie roch es ein wenig wie das Schlotheimer Schwimmbad vor vielen, vielen Jahren… Lang ist es her und weit sind wir weg, also ging es statt in Chlorwasser nun erst mit den Füßen und dann mit Klamotten bzw. Unterwäsche in diesen herrlich klaren Fluss! War das toll, wir ließen uns von der Strömung wegspülen, schwammen dagegen an, erreichten das andere Ufer und genossen das Bad in dieser Kulisse! War besser als jede Regenwasserdusche und bestimmt genauso sauber! Als wir genug hatten und uns die Sandflies am Ufer ärgerten, schwangen wir uns nass und halbnackig wieder ins Auto, ließen im sonnig-warmen Fahrtwind unsere Klamotten trocknen, indem wir sie heraus hielten, und fuhren staunend weiter bis wir so langsam wieder in die Nähe kleinster Örtchen kamen. In der dritten Ortschaft fanden wir sogar einen Cornershop, der Eis verkaufte – Schlemmer-Halt! Die Abendzeit nahte und wir fuhren zügiger gen Farm zurück. Doch als wir eine Straße einbiegen wollten, welche in Vivians Karte klar verzeichnet war, fanden wir dort nur eine schwankende Fußgängerbrücke in immerhin toller Umgebung, in der wir natürlich auch noch kurz Fotostopp einlegen mussten. Beim Wenden durchkreuzten wir ein Privatgrundstück, dessen Besitzer uns bestätigte, dass es die Straße nicht gäbe. Wolfi hatte bereits bei Einfahrt auf den Hof große Holzpaletten liegen sehen, diese Chance genutzt und den Besitzer gefragt, ob eine der Paletten vielleicht abkömmlich wäre. Unser Bett hätte weitere Bretter nötig… Auf der weiteren Fahrt leistete uns also eine herrliche Holzpalette Gesellschaft! :-) Kurz nach Sechs fuhren wir endlich auf der Farm ein, hatten soeben die bisher schönste Inlandsstrecke hinter uns gebracht. Vivian sahen wir schon von Weitem sein Gemüse wässern, Suzy hatte bereits das Abendbrot vorbereitet, welches heute aus vielen, vielen, größtenteils grünen Essensresten der letzten Tage bestand. Wir holten noch schnell eine Wäscheladung von der Leine und fanden uns schließlich zu fünft (heute mit Kate, Luke war nicht da) auf der Terrasse zum Essen ein. Danach kamen wir endlich dazu, ein Foto von uns zwei Wwoofern mit unseren Gasteltern Susan und Vivian vor ihren geliebten Duftrosen zu schießen, nur Kater Arthur hatte keine Lust darauf. Weil Vivian und Susan so interessiert die Fotos des heutigen Tages auf unserer Kamera betrachteten, bauten wir den Laptop auf und zeigten ihnen ein paar Fotos unserer bisherigen Reise. Doch waren sie vor allem interessiert an unserem Zuhause, sodass wir morgen ein paar mehr Bilder dazu heraussuchen werden. Kam ja sehr passend, dass Mama uns gerade Fotos mit dem dicken Neuschnee per Email hatte zukommen lassen. Die werden morgen Augen machen! Nun wollte auch Susan uns ein paar Bilder zeigen und schaltete den PC ein. Als wir die ersten Fotos betrachteten, wurde uns irgendwie sehr merkwürdig, denn es waren Bilder ihrer Deutschlandreise nach Lichtenberg in Hessen. Zum ersten Mal seit zweieinhalb Monaten blickten wir auf Deutschland! Nie war uns so bewusst, wie in diesem Moment, beim Anblick des ersten Fotos, wie doch jeder einzelne Stein eines deutschen Gehweges einfach typisch deutsch wirken konnte! Waren die gelben Straßenschilder da wirklich unsere? Ui, und weiße Begrenzungslinien auf exakt begradigten, ausreichend breiten Straßen, große, historisch alte, mehrstöckige Fachwerkhäuser Anno vor 1800, steinerne Blumenkübel, ordentlich mit Primeln und Stiefmütterchen bepflanzt, auf den Gehwegen kleiner Ortschaften, aufragende Schlösser und Burgen mit langer Geschichte aus solidem Stein, reinlich gestapelte Holzhaufen auf Höfen, die kein Mensch so schnell verbrauchen konnte, Kühe in inneren von Ställen… Zum ersten Mal wurden uns so schlagartig sichtbare Unterschiede zwischen unseren Ländern bewusst! Kam es uns doch so unfremd, manchmal sogar ähnlich hier vor, hatten wir uns scheinbar schon sehr an sämtliche neuseeländische Anblicke gewöhnt, war uns Neuseeland mittlerweile einfach vertraut… Konnte einem hier nun plötzlich das Heimatland, präsentiert von einer Neuseeländerin in Neuseeland, ungewohnt vorkommen?! Sehr merkwürdig! Zugleich freuten wir uns aber richtig dolle unsere Umgebung nach so langer Zeit auf diese Art und Weise wiederzusehen. Ja, auch wir haben zuhause tolle Landschaften mit weiten Feldern und grünen Wäldern, Hügeln und Gebirgen, plätschernden Flüssen und Bächen sowie traumhafte Architektur mit Jahrhunderte alten Bauwerken! Und das alles wird von weit angereisten Touristen wie Suzy beeindruckt fotografiert!

Nachdem allemann ins Bett gegangen sind, haben wir noch viel Zeit am Computer verbracht. Es ist nun bereits kurz vor Eins am ersten Dezember und ja, wir haben einen Schoko-Adventskalender mit Weihnachtsmann und viel Schnee drauf, sogar von Windel! Dieses Jahr nur nicht aus dem Rewe sondern einem Pak’nSave-Markt in Neuseeland. Und auch Vivian und Susan haben wir einen solchen besorgt und heimlich auf die Treppe gestellt. Sind gespannt, was sie morgen (naja, nun bereits heute) dazu sagen, wenn das erste Türchen geöffnet werden darf! Gute Sommernacht bei uns und euch einen schönen Wintertag! :/) (Sieht durch den Schrägstrich aus wie ein Schneemann mit Karottennase…)

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