Abflug in die anorganische Welt

Am Tag unseres Abflugs ein Flugzeug im zweiten Kalendertürchen. :-)
Nach einer für mich zu kurzen Nacht, weil ich Wolfi und eventuelle Symptome aufgrund seines Fußes beobachtet habe, begaben wir uns zum letzten Frühstück. Brot war alle und ich nehme zurück, was ich gestern über Wolfi und die Nutella geschrieben hatte. ;-) Auch er war am letzten Tag ganz mutig, aß zuerst ein Schälchen von Vivians selbst hergestelltem Naturjoghurt und anschließend sogar noch eine Schüssel Haferschleim mit Datteln! Der Porridge macht echt satt! Dann bekam jeder auf Bitte von Vivian eine letzte Aufgabe zugeteilt. Wolfi hinkte zum Fuß-schonenden Job in die Garage, wo er mit einer alten Getreidemühle eimerweise getrocknete Eierschalen zermahlte. Ich stiefelte mit Vivian in den unteren Garten, um zuerst noch ein vergessenes Haselnussbäumchen und anschließend eine Reihe mit kartoffelartigen Pflanzen von Unkraut zu befreien. Mulch drauf, noch zwei Schubkarren anderen Mulches aufs Tomaten- und Zucchini-Beet – fertig waren wir schon gegen Elf mit unseren letzten Gartenarbeiten auf dieser kleinen, organischen Farm. Nebenbei habe ich noch Suzys Brote geknetet, gehen lassen und gebacken. Sie hatte den Teig vorbereitet bevor sie an die Arbeit gefahren ist. Um uns zu verabschieden hat sie Wolfi und mich an unseren Arbeitsplätzen noch kurz aufgesucht und gedrückt. Vivian gab Wolfi weitere Schrauben für das Auto und dieser bastelte noch einmal. Man könnte glatt glauben, er würde an einem Riesenhaus arbeiten, so oft und intensiv wie er das tut. Doch ist es nur ein Nissan Mini-Van! Zum Mittag aßen wir das frische, ofenwarme Körnerbrot, welches wirklich sehr gut schmeckte. Zum Dessert gab es für Wolfi, mich und Vivian drei Winter-Fotos von Mama mit dem gesamten, frierenden Praxisteam vor unserem Haus. Wir haben gestaunt über die Schneemassen und uns sehr gefreut! Vogelhäuschen, die nun Zuhause immerzu mit Futter aufgefüllt werden müssen, sind hier in dieser Region Neuseelands nie nötig, erzählte uns Vivian. Er hatte so etwas aber schon einmal in Washington bei Susans Vater gesehen. Nach dem Mittag packten wir ganz durchdacht und sorgfältig das Auto neu ein. Wegen des Kühlschranks musste eine Box weichen, weniger wurde es trotzdem nicht. Doch fand durch Wolfis mühsamen Umbau wieder jedes Ding einen Platz, alles durfte mit uns weiterreisen. :-) Hatte Wolfi wirklich toll gemacht! Vivian schenkte uns noch einen großen Beutel frisch geernteter Grapefruits von einem unserer ummulchten Bäumchen, wir nahmen die letzte Regenwasserdusche in unserem Übergangszuhause… Wir wünschen den beiden netten Menschen alles, alles Gute für die Zukunft, hoffen, ihnen durch unsere Hilfe einige Arbeit abgenommen zu haben und werden versuchen, auf unserem Rückweg noch einmal vorbeizuschauen! Sollten sie irgendwann wieder nach Deutschland (Lichtenberg, Hessen) reisen, wo Suzy eine Gesangslehrerin unbedingt nochmal aufsuchen möchte, würden wir sie zu uns auf Thüringer Rostbratwurst, Klöße, zwar nicht garteneigenen, aber weißen Spargel, Harfen-, Klavier- und Gitarrenmusik einladen! Versprochen! Gegen Vier beendeten wir ein letztes Teetrinken mit Vivian. Gerade als wir uns verabschieden wollten, kam Nachbar Paul vorbei. Beide geleiteten uns zum Auto, bewunderten noch einmal unser gepacktes Gefährt, gaben Wolfi die Hand und mir eine Umarmung. Vivian und ich drückten uns ganz doll. Vivian hatte heute früh schon erwähnt, dass er, wenn er 30 Jahre jünger gewesen wäre, mit mir auf dem Hintersitz seines Motorbikes über die Südinsel davon gebraust wäre und hatte dann noch zu Paul gesagt, dass er mich schon gern da behalten würde. Ich glaube, dass er als auch Suzy uns ins Herz geschlossen hatten. Uns ging es genauso mit den beiden. Vivian hatte bereits nach zwei Tagen mitbekommen, wie gerne ich jegliches Essen probierte und dass ich jede Speise schon vorm ersten Happen nachsalzte. Er nahm sogar einmal ein Schälchen mit dem letzten Gemüse, von dem er wusste, das es mir besonders gut schmeckte, streute ordentlich Salz darüber und stellte es mir ohne Worte vor. Genauso bekam ich mit, dass auch er Salz und Pfeffer sowie Salatdressing auf jegliches Essen kippte und stellte dieses immer in die Nähe seines Tischplatzes. Er liebte es seinen Teller nach dem Essen abzulecken und als ich zugab, das auch allzu gern (allerdings nur Zuhause) zu tun, war er gar nicht verwundert, und erzählte uns stolz, dass er es einst sogar auf einer sehr edlen Hochzeit vor den Augen sämtlicher Gäste getan hatte. Auch er naschte gern aus der Schoko-Box, ließ diese bewusst offen stehen (ja, wen erwartete er dort zugreifen zu sehen?!), liebte Eiscreme und pflegte jeden Morgen halb Acht die Kurse seiner Gold- und Silber-Investitionen im Internet zu studieren. Er hatte viele Pläne im Kopf für sein Paradies, schrieb sich To-Do-Listchen, und auch wenn er sie nicht erledigte, brachte das erst einmal Ordnung hinein… ;-)

Wenn er stets statt Banken, denen er sehr kritisch gegenüberstand, das Wort „Bangster“ benutzte, erfreute das Wolfi und mich. Haben uns schon ziemlich aneinander gewöhnt in den wenigen Tagen.

Nachdem Joy erst nicht anspringen wollte, scheinbar kurz überlegte noch länger zu bleiben, entschied sie sich dann aber doch für die Reise und so fuhren wir mit Sack und Pack von unserer kleinen Farm, hupend und winkend. Wir warfen einen letzten Blick auf den hageren, grauhaarigen, schon älter wirkenden Mann, der sein gesamtes Leben auf diesem Stück Erde verbracht hatte, dem man die harte Feldarbeit an Haut und Knochen ansah und der hier nun winkend mit wegen Überlastung bandagiertem Ellenbogen zwischen all seinen Duftrosen, Gemüsepflanzen und Obstbäumen – seinem und Suzys Paradies – stand und uns nachschaute. Danke!

Mit kleinem Zwischenstopp in Woodville (Eis und Trödelladen) setzten wir die Fahrt fort, Ziel: Masterton. Wolfi fuhr uns, konnte dabei prima seinen verletzten Fuß ausruhen (Automatik), ich schaute herum und hing in Gedanken noch bei Vivian, Suzy und deren Leben. Unser neuer Kühlschrank kühlte fleißig. Am Himmel seit über einer Woche mal wieder eine geschlossene Wolkendecke, ab und an Niesel. Wir sausten auf Highway 2 Richtung Süden, vorbei am berühmten Tui-Brauerei-Turm und durch zahlreiche kleine Örtchen zwischen grüner, grüner Landschaft. Gegen Acht erreichten wir Masterton im ekelhaften Nieselregen. Die ganze Zeit über, in der wir nun in einem Haus gelebt hatten, hatte es nie geregnet! Nun, wo wir wieder im Auto hausen müssen und gutes Wetter wirklich von Vorteil ist, regnet es… Macht nicht gerade gute Laune! Wir erledigten Großeinkauf im Pak’nSave und während Wolfi sich zum Essen ins KFC zurückzog, blieb ich in der nassen Dämmerung allein im Auto, schmierte mir beengt ein Brötchen, kleckerte mich voll und fragte mich, was Vivian und Suzy wohl gekocht hatten, ob sie gerade mit einem Glas Wein gemütlich am Tisch saßen, ob es ihnen heute vielleicht ein bisschen still war ohne uns? Autoleben ist schön, wenn man sich einmal daran gewöhnt hat, aber nach einer Umgewöhnungswoche in einem richtigen Haus mit „Familie“ drumherum und im Regen anfangs wieder ziemlich traurig irgendwie. Selbst Wolfi, der gerade aus dem FastFood-Schuppen zurückkam, meinte nur „Bäh, so viel Fett wie ich jetzt gegessen habe, habe ich in den ganzen letzten Tagen nicht gegessen!“. Auf zur Schlafplatzsuche…

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Eine Antwort auf Abflug in die anorganische Welt

  1. Jonas sagt:

    Das Photo, dass aus dem Auto geschossen wurde ist gut! Da hätte man aber viel mehr draus machen können wenn man zum Bilder machen auch anhält. ;)

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