Advent, Advent, Stiefel befüllt mit Überraschungstag!

Zum Schlafen haben wir wieder gegenüber der I-Site am Park Aufstellung genommen. Doch während ich mich schnell ins Bett legte, die Ohrstöpsel in meine Ohren knetete und fast sofort erschöpft einschlief, setzte sich Wolfi noch einmal mit der Gitarre auf eine Parkbank. Ich war sehr erstaunt als er mir vorhin erzählte, er habe da noch lange gesessen und gespielt bis plötzlich erst zwei und dann immer mehr Mädels ankamen und sich zu ihm setzten. Wolfi hatte sich mit denen eine Weile unterhalten, ein Maori-Mädchen spielte wenige Akkorde auf der Gitarre und alle waren sehr überrascht darüber, dass wir an diesem Ort schliefen! Es sei eine Drogengegend und nicht ungefährlich. In der Tat beobachtete Wolfi aus dem Bett später noch einige Typen umher schleichen. Nur gut, dass ich das erst jetzt erfahren hatte, sonst hätte ich kein Auge zu bekommen! Mir waren Gefahren lieber, wenn man erst im Nachhinein davon erfuhr! Heute würden wir uns einen anderen Platz suchen. Erstaunt war ich vor allem noch darüber, wie tief mein Schlaf gewesen sein musste, sodass ich weder Wolfi, der mehrfach am Auto war und sogar mein Bein zur Seite schob, noch die Musik und die Mädchen mitbekommen hatte. Das ganze Auto hätte jemand ausräumen können und ich hätte es verpennt… Aber Wolfi hatte von seiner Parkbank zum Glück stets ein Auge drauf.

Am heutigen Sonntagmorgen kamen wir gegen 09.00 Uhr aus unserem Bett, die Sonne stand bereits ziemlich hoch, im Park waren schon viele Menschen spazieren oder schauten einem Triathlon zu, dessen Teilnehmerinnen alle an uns vorbei radelten. Unser Ententeich war wegen der Veranstaltung abgesperrt, also suchten wir auf der Hinterseite des Parks ein schattiges Plätzchen zum Frühstücken. Als Wolfi sich noch ein letztes Mal in Richtung Auto drehte um etwas aus dem Kühlschrank zu wühlen, nutzte ich die Gelegenheit und schmiss blitzschnell eine Weihnachtstischdecke über unseren Klapptisch, legte noch zwei Christmas-Cracker darauf. Hatte ich beides schon vor vielen Tagen heimlich besorgt… Sollte ja wenigstens langsam mal etwas weihnachtlich werden. Als Wolfi sich umdrehte, staunte er doch etwas. Wir setzten uns an den Tisch und begrüßten auf fast vorweihnachtliche Weise den zweiten Advent! Christmas-Cracker findet man hier in verschiedenen Größen in jedem Einkaufsladen. In unseren kleinen bonbonartig aussehenden Crackern mit Pinguin- und Rentiermotiv, die man durch Ziehen unter leichtem Überraschungsknall öffnete, fand sich jeweils ein Papierkrönchen, eine Scherzfrage sowie vier Sticker. Im Schokokalender gab es heute ein befülltes Stiefelchen – einen Tag vor Nikolaus?! Kurz vor Zehn beendeten wir unser Adventsfrühstück mit Krönchen. Da wir wegen Wolfis Ausweis bis morgen hier bleiben mussten und es nichts wirklich zu erkunden gab, hatten wir uns überlegt, mal einen Gottesdienst anzuschauen. Den restlichen Tag wollten wir irgendwie vergammeln und abends den Facebook-Film im Kino schauen. Hätten nicht mehr damit gerechnet noch pünktlich um Zehn an einer Kirche einzutreffen, doch schafften wir es, nur eine Straße entfernt. Ich warf mir noch schnell was über und wir betraten, Wolfi in Badelatschen, kurzer Hose und beflecktem Shirt, ich mit etwas dreckiger Strickjacke und Rucksack, das heilige Gotteshaus. Schon beim Erreichen des Inneren waren wir irgendwie ein Blickfang für all die bereits brav darin sitzenden Kiwi-Menschen. Wir nahmen unsere Plätze schnell auf einer leeren Bank im Eckchen ein. Die Kirche war innen sehr hell, wirkte natürlich nicht so alt wie all unsere deutschen Kirchen, dadurch aber irgendwie freundlicher und lebendiger. Auch die Leute waren irgendwie bunter gekleidet und die Kirchentür blieb einfach offen, ab und an drangen ein paar Geräusche von der Straße herein, die niemanden störten. Es war nur eine kleine Kirche, ich machte schnell ein Foto von der netten Weihnachtsdekoration: geschmückter Tannenbaum und echter Adventskranz, dessen erste zwei Kerzchen entzündet wurden, fing dabei wieder ein paar Blicke ein. Wir waren in dieser doch ziemlich familiären Atmosphäre längst als Fremdlinge identifiziert. Ganz ehrlich wussten wir auch gar nicht, in was für einer Art Kirche wir da gelandet waren: Presbyterian… Hm, der Gottesdienst begann, wir standen mit allen anderen auf, setzten uns, standen wieder auf und so weiter, machten es einfach der Gemeinde nach. Habe immer genau die beobachtenden Blicke einer älteren Dame links hinter uns gespürt. Wir waren scheinbar aufregend für die Leuten hier, da Masterton eher weniger eine Touristen-Backpacker-Stadt ist und die Menschen dieser Gemeinde wohl nur selten Fremde in ihrer Kirche erblickten. Der ziemlich weihnachtlich ausgerichtete Gottesdienst war viel lockerer als bei uns. Verschiedene Gemeindemitglieder lasen etwas vor, antworteten einfach in den Raum auf Fragen der netten Pastorin. War richtig interaktiv! Es gab extra Teile für die Kinder: drei Jungs kamen vor, setzten sich in die erste Reihe und die Pastorin bat sie, Inhaltsstoffe verschiedener Konservendosenessen vorzulesen. Letztlich ging es darum, dass viele der auf Inseln lebenden Neuseeländer sich größtenteils nur von Dosen ernährten, in welchen stets eine Menge Zucker enthalten war. Die Inselbewohner hatten nachgewiesen tatsächlich die höchsten Raten von Diabetes und Adipositas! Eine Kampagne mit Ernährungsberatung und Unterstürzung beim Leben von eigenem Anbau wurde eingeführt. Hier zückte die Pastorin aus einer Tüte nun ein Silberwurzelpflänzchen zur Veranschaulichung! Gemüsepflanzen und Dosennudeln neben dem Altar, cool irgendwie! Überhaupt wurden sehr viele verschiedene, aktuelle und durchaus weniger kirchliche Themen angesprochen. Anschließend durften die Jungs die ersten fünf Kalendertürchen eines kleinen Weihnachtskalenders öffnen und lasen die kurzen Sätze mit Denkanregungen über Alltägliches, z.B. Milch ernährt ganze Familien, vor. Das Abendmahl wurde begangen, in dem die Kirchenältesten mit Tellerchen und vielen kleinen Becherchen durch die Reihen liefen und an jeden Weißbrotbröckchen und Traubensaft verteilten. Wie auf Kommando rannten nach der Hälfte des Gottesdienstes plötzlich alle Kinder aus der Kirche, denn nun begann der alleinige Erwachsenenteil. Es gab eine weitere Lesung eines anderen Kirchenmitgliedes, eine Liste von Personen, in deren Namen die Gemeinde betete und die man zuvor auf ein herumgereichtes Blatt schreiben konnte, wurde verlesen, die Kollekte wurde eingesammelt und ein letztes Lied angestimmt. Wir mussten uns das Lachen verkneifen als plötzlich in voller Lautstärke „Freude schöner Götterfunke“ ertönte und die ganze Gemeinde ein englisches Lied dazu sang! Na, wenn die gewusst hätten, woher wir kamen… :-D Kaum war der letzte Ton verklungen, stürzten sich sämtliche Leute auf uns! Jeder wollte uns Fremde einmal persönlich begrüßt oder angesprochen haben. Wir kamen uns ein bisschen vor wie Zirkustiere, beantworteten aber immer wieder nett die sich wiederholenden Fragen: Aus Thüringen, genau in der Mitte von Deutschland! Ja, sechs Monate durch Neuseeland. Genau, wir sind Reisende. Nein, wir fahren morgen weiter nach Süden… Wir lobten den tollen Gottesdienst und zeigten uns begeistert von der Offen- und Lockerheit! Von dieser Gestaltung könnten sich die deutschen Pastoren wirklich eine Scheibe abschneiden! Hier war Leben drin! Und man konnte sich vorstellen, dass Kinder sonntags durchaus gern mit ihren Eltern zur Kirche gingen! Prompt wurden wir noch auf einen Kaffee (hätt ‘mer das gewusst, hätten wir ja gar nicht frühstücken brauchen… ;-) ) im benachbarten Gemeinderaum eingeladen, wurden auch hier wieder schnell von Interessierten umringt und ausgefragt. Eine Frau war ganz stolz darauf, uns wiedererkannt zu haben als die, die letztens in der Bibliothek saßen… :-D Und ganz unerwartet wurden wir von einer sehr netten Kirchendame, die kaum glauben konnte, dass wir im Auto hausten („Ja, wo duscht ihr denn da?… Was, im Schwimmbad?“), zum Dinner am heutigen Abend eingeladen! Wow, wir nahmen zögernd an. „Seid ihr Vegetarier?“ „Nein“. Prima, Lasagne sollte es geben! Statt Kino also hausgemachter Nudelauflauf bei einer Frau, deren Mitleid und christliche Nächstenliebe wir leicht verdreckten Reisenden scheinbar sofort erweckt hatten! :-) Sie gab uns für den Tag gleich noch einen Ausflugstipp und wir verließen mit brummendem Kopf, von all den an uns interessierten Menschen mit ihren vielen Fragen, aber sehr vergnügt, die kleine Presbyterian Church, waren ganz froh wieder ruhig in unserem Auto zu sitzen, lachten uns nach kurzem Durchatmen fast kaputt über die lustig-schönen zwei Stunden und freuten uns, dass unser Tag nun ein Ziel hatte! Statt Gammeln und Kino Leuchtturmausflug sowie Lasagne und Wein bei netten Kiwi-Menschen zuhause! Toll! Unser brandneuer Reisetipp für planlose Traveller: sonntäglicher Kirchbesuch in kleiner Gemeinde abseits der Touristenroute. ;-) Und auf dieser ging es auch weiter, 64km in Richtung Osten, vorbei an mittlerweile noch brauneren Schafshügeln und durch Nadelwälder bis Castelpoint. Wir waren wieder am Meer angekommen! Es gab hier einen traumhaften Strand mit kleinem Dünen-Wüsten-Gebiet sowie einem Leuchtturm, der auf hohen Felsen weit über dem Meer aufragte. Es herrschte reges Treiben: viele Surfer oder Einheimische, die ihren Sonntag hier verbrachten, kaum Reisende. Unter teils starken Windböen erklommen wir die Felsen, begutachteten den Leuchtturm, schauten über die Bucht, das endlose Meer und kletterten über die vielen, bizarren Klippen und Steine, machten einige schöne Fotos! War ein echter Geheimtipp, den uns die Frau da gegeben hatte! Wenn die Lasagen auch so werden würde… Hm! Und endlich wurde doch noch Wolfis Traum war: Er steuerte Joy über den Strand, durch den Sand bis ihre Räder das Meerwasser berührten! War zwar nicht der Ninety-Mile-Beach, aber sichtlich Spaß hat es ihm gemacht! Und dann nix wie ab, zurück, vorbei an einem Van, der weniger Glück bei der Strandfahrt hatte und dessen buddelnder Besitzer unseren Spaten nicht annehmen wollte, zurück nach Masterton, an den Ententeich, zur Dusche… Jetzt geht es zu Angie, zwischen 18.00 und 18.30 Uhr sollen wir da sein (später macht auch nix, Kiwi-Pünktlichkeit ;-) )! Wir sind gespannt!

Unser Stiefelchen war also, wie der unseres Schokokalenders, bereits einen Tag vor Nikolaus befüllt – mit einem interessanten Gottedienst, einem tollen Ausflug sowie Angies Lasagne. Muss ein großer Stiefel gewesen sein und den kann man sicher nicht mehr anziehen jetzt… :-D

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