Verweilen im ruhigen Hafen

Den Abend unseres Südinsel-Ankunftstages haben wir damit verbracht über Pictons Hafen auf die an- und abfahrenden Fähren sowie die Sounds zu schauen. Picton ist ein wunderschöner, ruhiger und friedlicher, sehr gepflegter Ort am Meer, neben dessen Hafen sich direkt ein kleiner Badestrand mit großer Liegewiese, dicken Palmen und winziger Promenade befindet. Es gibt alles, was in Neuseeland einen kleinen, touristisch anerkannten Ort ausmacht: I-Site, Bibliothek, Minimarkt, einige Cafes, Restaurants und Hotels – mehr aber auch nicht und alles am frühen Abend geschlossen. Das Meer war vorgestern Abend so ruhig, dass man glauben konnte, man schaue auf einen See, aus welchem dunkelgrün bewaldete Inseln wie Halbkugeln herausragen. Wobei die weit entfernten Halbkugeln mehr und mehr verschleiert wirkten, manchmal nur noch zu erahnen waren. Auch um Pictons Landseite ringen sich hohe, bewaldete Berge. Die Zeit scheint still zu stehen, man könnte nur dasitzen und schauen. Geschickte Möwen krallen sich ab und an Austernmuscheln von den Ufersteinen, fliegen damit auf die Palmen und werfen die Schalentiere mit voller Wucht auf die gepflasterte Promenade, um so an das fleischige Innere zu kommen. Wie ein kleines Paradies… wären da nicht: fiese Sandflies! Diese minimückenartigen Insekten sind ein wahrer Alptraum. Man kann sich kaum vor ihren gemeinen Bissen schützen und somit können sie einem durchaus den Genuss am Draußensitzen verderben! Schon viele Traveller warnten uns vor den Viechern auf der Südinsel. Wir kannten sie auch schon aus dem Northland, hätten uns jedoch nicht erträumen lassen, dass die Sandflies hier in so enormen Zahlen vertreten sind! Das romantische Meerblick-Abendbrot, welches seit vielen Tagen nun endlich mal wieder nur aus altem Graubrot (noch von Georg) und Aufschnitt bestand und den Magen bloß so füllte, dass man sich danach durchaus noch gelenkig bewegen konnte, mussten wir schnell von statten gehen lassen, da die Minimücken uns sehr ärgerten. Wir begaben uns danach auf Schlafparkplatzsuche. War nicht so einfach, überall Campverbotsschilder mit Strafandrohungen. In einem wenige Meter entfernten Küstenörtchen trafen wir auf zwei Engländer mit dem selben Schlafplatzproblem, sodass wir gemeinsam auf Suche fuhren und letztlich wieder in Picton landeten, wo wir uns für zwei Dollar auf dem Langzeitparkplatz abstellten, Sandflies inklusive. Ganz nah gab es ein Superluxus-Klo, welches den Toilettengast per Männerstimme freundlich begrüßte. Alles funktionierte elektronisch: Verriegelung per Knopfdruck, Toilettenpapier stückweise per Knopfberührung, Spülung sobald man den mit Sensor ausgerüsteten Wasserhahn betätigt, Seife und UV-Luft-Handtrockner ebenfalls per Sensor. Alles wurde begleitet durch wunderschöne Relaxmusik und für den ganzen Besuch blieben einem zehn Minuten. Das wurde durch die freundliche Herrenstimme bereits bei Betreten mitgeteilt. Man soll ja keine bösen Überraschungen erleben, wenn da plötzlich nach zehn Minuten automatisch die Tür entriegelt. Das Klo ist eine wahre Freude! Vorm Zubettgehen bin ich noch einmal durch den dunklen, ruhigen Hafen gepirscht, habe Nachtfotos gemacht und die leuchtenden Fähren beobachtet. Sehr romantisch! Der Schlaf wurde durch die lieben Mücken anfangs aufgehalten, stellte sich im Laufe der Nacht aber ganz gut und mit gar nicht allzu vielen Stichen ein. ;-)

Eine Kirche aus Schoko hinterm dreizehnten Türchen, grauer Himmel hinterm Vorhang des Autofensters – so begann der Montagmorgen für uns in Picton! Das Wetter änderte sich auch bis abends nicht wirklich. Nach einem Frühstück am Hafenstrand haben wir einen Secondhand-Shop besucht, in welchem wir für sechs Dollar drei CDs fürs neue Autoradio kauften: Klassik für Sommerabende, Christmas-Songs und eine gebrannte Rock-Mix-CD. Für fast alle Stimmungen was dabei! :-) Danach trennten sich Wolfis und meine Wege: Er besuchte einen Auto-Wracker (gab aber nix für Joy), fand eine gute Seglerdusche mit Zwei-Dollar-Münz-Betrieb im Hafen und arbeitete am Laptop in der Bibliothek (Internet for free). Ich begab mich zuerst auf Geldfund: Zehn Dollar wehten über die grüne Wiese hinterm Luxusklo. Juhu! Übrigens haben die Dollarscheine hier alle kleine Fensterchen mit Pergamentpapierfüllung – sehr hübsch! :-D Weiter ging es auf eine dreieinhalbstündige Wanderung entlang des Snout-Tracks: von Pictons Hafen durch Victoria Domain bis auf den Queen Charlotte View und über Bobs Bay zurück nach Picton – bedeutete, dass es über einige dieser bewaldeten Hügel ging, um Aussichtspunkte zu erreichen, von denen man einen herrlichen Blick über den Queen Charlotte Sound hatte. Und so war es auch: erst ziemlich anstrengend ordentlich bergauf durch prächtige Waldstücke, mit Farnen, Palmen und verschiedenen blühenden und duftenden Vegetationen, dann eher mäßig bergauf und auch mal wieder bergab entlang Schotterwegen oder schmalen Trampelfaden nahe dem Abgrund. Immer wieder ergaben sich beeindruckende Ausblicke über ruhige Meerbuchten, Inselchen und fjordähnliche Land-Meer-Wechsel bis an den Horizont. Nur vier oder fünf andere Menschenseelen sowie ein lieber Hund mit langem Zottelfell begegneten mir auf dem gesamten Weg, umso mehr dafür Vögel oder im Unterholz raschelnde andere Lebewesen. Am Queen Charlotte View angekommen, traf ich erneut auf zwei Picton-Einheimische mit dem Zottelhund, die mir eine tolle Empfehlung für eine Autofahrt entlang der Sounds mit ebenso atemberaubenden Aussichten gaben. Außerdem kreuzte hier nun noch perfekt abgestimmt die große Interislander-Fähre die Sounds (neben Bluebridge gibt es für Nord-Süd-Fährverbindungen noch den größeren Interislander). Viele, viele Fotos mal wieder… Die Bobs Bay, ein Abstecher auf dem Rückweg, war eine der hübschen Buchten mit türkisem, ruhigem Wasser, ähnelte zugleich mit ihrem Gras-Strand ein wenig den Seen der Mecklenburgischen Seenplatte. :-) Noch einmal ging es entlang steiler Abhänge, die zum Teil direkt seitlich an den Wanderweg angrenzten und mit Manuka und allerlei anderen Gewächsen besiedelt waren, zurück bis in Pictons Hafen. Dieser Walk gefiel mir am besten von all denen, die ich bisher unternommen hatte: wirklich pure, grüne Natur, viel Wasser, kaum ein anderer Mensch und trotzdem nicht unheimlich, sondern sehr schön und mit besten Sichten von weit oben! Punkt Drei erreichte ich unser Auto vor der Bibliothek (wie abgesprochen), schlang ein Käsetoast plus Apfel in mich und löste Wolfi am Laptop bis Bibliotheksschluss ab. Wolfi besorgte in der Zwischenzeit für sich ein hochpotentes Anti-Sandfly-Mittel (heiße Empfehlung der Engländer). Kann eigentlich nur wirken, so neongrüngelb wie es schon verpackt war! Nach dem etwas beengten Abendbrot im Auto am Hafen (zu viel Wind für Draußensitzen), nahm auch ich schnell eine 8min-Zwei-Dollar-Segler-Dusche. Wolfi spannte Kiwi-String als Wäscheleine auf um die noch immer feuchten Sachen zu trocknen. Wir verweilten also noch etwas im Auto, sahen die Fähre majestätisch zu Mendelssohns Ouvertüre aus dem Autoradio Pictons Hafen verlassen, Wolfi versuchte mittels Handy-Fernreparatur Mamas Internetproblemchen wieder hinzubekommen, wir warteten weiter… Plötzlich gab es einen Knall: Da war es um Wolfis Wäschelein geschehen! Sie war gerissen, weil sie einer unerwartet heftigen Sturmböe nicht standhalten konnte. Wolfi packte alles zusammen, noch immer nicht trocken. Im Dunkel des Abends begaben wir uns für ein Stündchen in eines der heute sogar noch geöffneten Cafes mit Blick auf die ein- und ausfahrenden Fähren im Hafen. Gab eine Kugel Eis auf einem im Verhältnis dazu viel zu großen Teller sowie helles und dunkles Bier, dessen Preis mit umgerechnet 2,50€ ganz okay war. Trotzdem sind fünf Dollar für ein Bier eine ungewohnt hohe Ausgabe für uns. Haben letztens in einem Pak’nSave 500ml-Dosen Thüringer Bier und Oettinger (beides aus Gotha importiert!) für 1,98 Dollar gefunden – fast billiger als in Thüringen selbst! Wahnsinn, oder? Übrigens wurden wir hier noch immer nie richtig bedient (im Sinne von Essengehen), aber wollen uns einen teuren Restaurantbesuch vielleicht für Weihnachten oder Silvester vornehmen… wo eine richtige, echte Bedienung unser teures Bestelltes direkt bis an unseren Nicht-Klapp-Tisch bringt, auf dem dann hoffentlich schicke Servietten statt Klopapier oder Küchenrolle neben den Nicht-Plaste-Tellern liegen. Dazu muss natürlich ein Kerzlein brennen und da wir nicht auf Falt-Campingstühlen sitzen, werden wir auch die richtige Körperhöhe für den Tisch und ein genussvolles Essen haben! Kein im Wind umher fliegender Müll und kein Abwaschwasser aus dem Toilettenhaus holen danach! :-D Nein, nein, so schlecht geht es uns hier nicht! Ist echt toll, mal einen anderen Alltag zu haben, solche Dinge sehen und erleben und sich an sie gewöhnen zu dürfen! Da nimmt man gern Klapp-Falt-Sitzgruppen und einfachstes Essgeschirr in Kauf! Man kann es ja dafür aufbauen, wo immer man Lust hat! Außerdem haben wir bei unseren Zwischenstopps im Hause neuseeländischer Familien bisher auch sehr viel Komfort genießen dürfen! Ist schon alles richtig toll hier, so wie es ist!

Und während Wolfi unter dem UV-Handtrockner des Luxusklos gegen 23 Uhr seine noch immer feuchte Wäsche trocknete, kam ich auf meiner Hafenbank neben dem Bloggen in den Genuss leiser Töne der herrlichen Toiletten-Relaxmusik. Vor mir schimmerten viele, viele Lichter und Lampen sowie deren Spiegelbilder auf dem ruhigen Meerwasser zwischen den ganzen Segelbooten des Hafens. Merkwürdigerweise – und viel mehr zum Glück – waren die Sandflies irgendwo anders unterwegs.

Die Nacht war kurz, der Dienstagmorgen schnell da. Um Sieben stand ich auf, um mein liebes Patenkindchen per Telefon noch rechtzeitig an seinem Geburtstag zu erwischen. Komisch, da steh ich früh am 14ten auf und gratuliere ihr am Abend des 13ten noch pünktlich zum Geburtstag! :-D

Da Wolfi noch im Bett lag, ging ich schon eine kleine Runde durch Picton, holte Geld, Frühstückseier und Brötchen. Wir fuhren samt Wolfis Schuhen auf dem Dach, worauf uns nach einigen Metern ein amüsierter Herr aufmerksam machte, an die andere Seite des Strandes um unsere Frühstücksbank zu besiedeln. Gab Rührei mit angebratener Salami, Tomate und Käse darin, auf Toast und Brötchen. Sehr fein! Auch die gierigen Möwen und ein paar Enten standen erwartungsvoll um uns herum. Unter einer dicken Palme öffnete ich das vierzehnte Türchen: weihnachtlich geschmückter Tannenbaum! :-) Wolfi versuchte erneut per Handy Mamas Internet in Griff zu bekommen – leider erfolglos – und ich habe nun endlich den Blog fertig geschrieben!

Mit dem heutigen Tag beginnt unser vierter Reisemonat! Wahnsinn, wie schnell die Zeit vergeht und dass wir nun schon so lange von Zuhause weg sind! Bisher war unsere längste Heimattrennung mal ein oder zwei Wochen, mehr nicht…! Da wir täglich so viel Neues sehen, erleben und insbesondere weil wir als Geschwister unterwegs sind, haben wir auch kaum Zeit und Chance, richtig schlimm Heimweh zu bekommen. Wir haben außerdem stets im Hinterkopf, dass wir bald wieder zurückkehren werden. Sind ja keine Auswanderer, bloß Reisende! Und es beruhigt und freut uns immer sehr, sehr, sehr, von euch zu hören oder zu lesen, zu erfahren, dass Zuhause alles in Ordnung ist und es allen gut geht! Ja, das mit dem Matschwetter bei euch im Moment ist natürlich Mist, aber ist jetzt auch nicht so beunruhigend, dass wir unsere Reise nur mit ungutem Gefühl fortführen können. ;-) Da müsst ihr wohl durch, während wir hier im Sandfly-Sturm am Hafen sitzen… Und im Moment kam auch noch Mamas SMS, dass seit einer Minute das Internet wieder funktioniert… muss auch Wolfi nicht überstürzt Heim fliegen! :-D Heute ist großer Finanzchecktag, wie immer am 14ten jeden Monats… Mal sehen, wie lange das Geld noch reicht! :-) Und mal sehen, ob wir es heute noch aus Picton schaffen… haben noch immer keinen richtigen Plan für die Südinsel-Reise.

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2 Antworten auf Verweilen im ruhigen Hafen

  1. Kati sagt:

    Hallo ihr Zwei .Wollte auch mal wieder Grüße schicken. Bei uns schneit es.Wir hatten heute einen schönen Tag in Erfurt.Waren alle wieder zusammen auf dem Weihnachtsmarkt.Sind bummeln gegangen,zwischendurch mal einen Glühwein…Mittags dann natürlich in unserem Stammlokal zum Essen,war ganz lecker!Heute war “Weihnachtsmützenpflicht” !Das werdet ihr ja bestimmt mal auf den Fotos sehen.Wir hatten viel Spaß. Also ich wünsche euch noch viele schöne Erlebnisse und einen schönen 4.Advent. Vermisst ihr eigentlich den Schnee?

    • Tini sagt:

      Hallo liebe Kati,
      ja, haben eben erst die Bilder von eurem Ausflug angeschaut! Toll, so ein bisschen vermisst man da doch die Weihnachtsstimmung. Den Schnee naja… so lange er schön ist und nicht taut, vermiss ich den zumindest auch ab und zu. Ski fahren geht hier ja nicht so gut… Vielleicht Sandboarden :-D
      Ich wünsch euch allen eine ganz tolle Weihnachtszeit und lasst euch nicht zu sehr einschneien!
      Viele Grüße aus Nelsons McDonalds,
      Tini und Wolfi

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