Durch den Süden zurück nach Otago

Eine Woche seit dem letzten Artikel – weit gereist, viel gesehen, viel passiert, viel zu schreiben…

Als wir letzten Donnerstag in Te Anau schon fast am Aufbrechen waren, die Jungs schon kilometerweit voraus, entschied ich mich kurzentschlossen doch noch für einen Kinobesuch. Mehrfach hatten wir hin und her überlegt, ob wir den 30minütigen Film „Ata Whenau Shadowland“ für 9$ schauen sollten und nun kurz vor Verlassen wollte ich! Letzte Chance ehe wir weiterzogen, denn es gibt diesen speziellen Film nur in Te Anaus Kino zu sehen. Wolfi blieb am Laptop, ich sprintete los, saß kurz vor Drei in einem der gemütlichen, großen, roten Kinositze mit nur etwa zehn anderen Besuchern. Eine Dame machte eine kurze Ansage, erklärte, dass der folgende Film, welcher von einem Hubschrauber-Piloten gedreht wurde, ganz besondere, verborgene Einblicke in das magische Fjordland gibt und seit 2004 täglich mehrfach zur vollen Stunden in diesem extra dafür erbauten Kino gezeigt wird. Der Film begann, unglaubliche Luftaufnahmen folgten, statt Erklärungen nur eine Broschüre dazu, ohne Worte oder Handlungen, dafür mit passender Instrumentalmusik. Noch einmal fuehrte eine Reise über die Sounds, sogar im Winter, über die Gletscher der Fjordberge, zwischen die Farne und Moose des Regenwaldes, über Flüsse, Abhänge und Seen, mit den Delfinen durchs Wasser und mit den Vögeln durch die Luft. Nichts übertrieben dargestellt, einfach nur Natur. Majestätisch, faszinierend, atemberaubend. Was für ein Wunder ist die Erde und wie unglaublich, dass wir diesen Teil hier selbst sehen konnten. Hätte nicht gedacht, dass ein Naturfilm berührend sein kann, aber der war es! Eine würdige Verabschiedung des Fjordlandes. Ungefähr eine halbe Stunde nach Filmschluss fuhren wir nochmals am Lake Manapouri vorbei, hielten an dessen Ufer, wo ich noch ein Seebad nahm – zum letzten Mal vor den wolkenverhangenen Fjordbergen des Shadowlandes. Dann ging es wirklich weiter: Auf in den Süden, ab ins Southland. Prompt änderte sich die Landschaft. Während die dunklen Fjordberge immer kleiner wurden, breiteten sich weite, saftig leuchtgrüne, flache Weidewiesen mit Schafen, Kühen und auch Wild aus, rückte das blaue Meer mit feinen Sandstränden wieder an unsere Seite. Nach wenigen Kilometern ganz andere Farben – viel intensiver, leuchtender, heller. Ein Schild mit der Aufschrift „Monkey Island“ lockte uns zu einem kleinen Abstecher vom Highway. Wir landeten an einem hellen, feinsandigen Strand, direkt am blauen Meer. Monkey Island war bloss ein kleiner Fels, auf welchen man bei Ebbe zu Fuß kam. Ja, auch das endlose Meer war toll! Eben ganz anders. Hier ist immer alles ganz anders – von einer Welt in die nächste… Wir nahmen wieder Verfolgung der Jungs auf, brausten weiter über den Highway, entlang der Southern Scenic Route bis Riverton, der ältesten Stadt der Südinsel, wo wir gerade als wir Felix und Marian anrufen wollten, diese in die Gegenrichtung vorbeifahren sahen. An der Colac Bay trafen wir dann die gesamte Schar wieder an, welcher seit Te Anau auch Mietnomade Lorenz angehörte, der mit Rucksack, per Hitchhike oder Wanderweg durch Neuseeland reiste. Na, das war doch der Typ, den ich letztens auf der Key Summit Wanderung unbeabsichtigt unter den Riesenfarnen fotografiert und sogar hochgeladen hatte! Bloß ahnten wir damals noch nicht, dass er bald ein Stückchen mit uns reisen würde. Lustig! Die fünf Jungs hatten im leichten Regen bereits den Pavillon aufgestellt und so saßen wir bis spät ganz nahe am Meer – weit und breit keine andere Menschenseele – blieben relativ trocken, auch als es in Strömen regnete.

Am  Freitag Vormittag verließen Wolfi und ich die Jungs wieder um 40km zurück zu fahren, wo wir am Vortag Höhlen ausgelassen hatten, von denen die Jungs aber überaus begeistert berichtet hatten. Ein Schild riet vorab, Ersatzlampen mitzuführen, die Höhlen keinesfalls nach Starkregen zu betreten, niemals allein hinein zu klettern. Mehr nicht, kein Eintritt, kein Infostand. Ausgestattet mit unseren guten Kopflampen ging es also hinein in die Clifden Limestone Caves – 45min zu zweit durch die feucht-kühle Dunkelheit. Klettern, krabbeln, kriechen, vorsichtig Schritt für Schritt. 300 Meter durch eine Sandsteinhöhle: rutschig, glitschig, feucht, Glühwürmchen, unterirdische Seen, stockdunkel, hallende Echos, enge Felsspalten… Aufregend, abenteuerlich und sogar anstrengend! Die Höhlen hielten, was uns die Jungs versprochen hatten. In Deutschland wäre so etwas für die Öffentlichkeit auf keinen Fall einfach so zugänglich gewesen! Fernab der Zivilisation im zerkluefteten Unterreich zu verschwinden… Schon schaurig, wenn man sich mittendrin fragte, was passieren würde, wenn die Lampen ploetzlich schlapp machten, die Erde wackelte oder ein starker Regenfall einsetzte. Doch wir erreichten heil, bloß ziemlich lehmig verdreckt und verschwitzt, wieder das Tageslicht einige Meter entfernt von der vorm Eingang wartenden Joy. Die Rückfahrt zur Höhle hatte sich gelohnt! Wieder fuhren wir durch die Weiden-Meer-Umgebung nach Riverton, setzten die Fahrt nach kurzem Trödelladen-Stopp und unter Wetterbesserung bis Invercargill fort. Endlich mal wieder eine größere Stadt, bedeutete McDonalds mit kostenlos Internet und Pak’nSave. :-) Gegen Acht kamen wir am Oreti Beach Invercargills an. Wir fuhren mit Joy direkt auf den abgeebbten Strand vor meterhohe Dünen. Dieser Strand war ewig weit, wurde bei Ebbe scheinbar von einigen Ortskundigen als Abkürzung nach Riverton befahren. Fast wie der 90-Mile-Beach des Northlands! Wir machten Abendbrot direkt auf dem Strand, Wolfi anschließend Laptop und ich eine lange Strandwanderung im Schwarz der Nacht. So ruhig, so verlassen. Unendlich weite konnte man auf das Meer zu laufen, ehe man auf das Wasser traf – und die Ebbe war noch nicht einmal auf dem Höhepunkt! Gegen Elf entschieden wir, die Jungs zu suchen, fanden sie nicht, kamen mit den letzten Tropfen Benzin gerade noch zurück in die Stadt zum Tanken und fanden nach Zwölf und langem Umherirren irgendwo am Ende eines abgelegenen Feldweges einen Schlafplatz an einer Flughafen-benachbarten Wiese.

In der Nacht erfuhren wir von Mama per SMS vom schlimmen Erdbeben in Japan und der Tsunami-Warnung, riefen am Morgen des Sonnabends gleich noch einmal zuhause an um mehr darüber zu erfahren. Es klang schlimm. Gegen Mittag verließen wir Invercargill nach kurzem I-Site- und Garten-Besuch in Richtung Bluff, der südlichsten Stadt Neuseelands! Bei klarer Sicht sahen wir vom Lookout-Point Bluffs bis Stewart Island. Hatten schon sehr mit dem Gedanken gespielt, diese Insel mit ihrer unberührten Natur zu besuchen, doch fuhren wir nach Lesen und Angeln auf einem Anleger im Bluff-Hafen weiter um uns mit den Jungs an der Curio Bay wiederzutreffen. Zwischen 180 Millionen Jahre alten, versteinerten Baumstümpfen aus Zeiten, in denen hier Dinosaurier herumgestapft sein mussten, liefen wir über eine Felsplattform direkt am Meer, die man sich so auch hätte auf fremden Planeten vorstellen können. Plötzlich watschelte da etwas aus dem Meer in Richtung Dickicht… Ein Gelbaugen-Pinguin!!! Vorsichtig schlichen wir uns zusammen mit einigen anderen Beobachtern etwas näher an das putzige Tier heran und beobachteten aus sicherer Entfernung wie der seltenste Pinguin der Welt sich seinen Weg in Richtung Nest bahnte. Die Gelbaugen-Pinguine waren momentan in der Mauser, hatten außerdem Küken zu versorgen, weswegen sie tagsüber im Meer auf Beutefang gingen und somit insbesondere am frühen Morgen und am Abend auf ihrem Weg zwischen Meer und Nest an Land gut zu beobachten waren. Man durfte nur nicht naeher als zehn Meter herangehen, da sich die gar nicht so kleinen Kerle sonst gestoert fuehlten, zurueck ins Meer gingen und die Kueken nicht fuetterten. So ein lustiges, putziges Geschöpf war dieser Pingu vor uns! Waren ganz gebannt! Nachdem der Gelbaugen-Pinguin im Dickicht verschwunden war, fuhren wir auf die benachbarten Hügel über der Bucht zu den Jungs. Abendbrot hoch über dem Meer, mit Blick über die weichen, grünen Weidelandschaften und ein herrlicher Sonnenuntergang. Anschließend wollten auch die Jungs noch Pinguine schauen. Wir sahen tatsächlich noch etwa fünf Gelbaugen, allerdings nur aus der Ferne. Zum Schlafen trennten wir uns wieder von den Jungs, da einer unserer Reifen fast platt war und wir deshalb nicht ganz so abseits vom Rest der Welt nächtigen wollten. Vorsichtig fuhren wir über die Schotterstraße bis nach Waikawa, wo wir auf einem Parkplatz neben zwei anderen Campern ins Bett gingen.

Am Sonntag schauten wir etwas verdutzt als wir Andi direkt neben uns im Auto erblickten. Den hatten wir in Sumner Beach nahe Christchurch schon einmal getroffen! Er unterhielt sich gerade mit einem australischen Ehepaar aus dem Nachbar-Camper, das auch uns sogleich einen Kaffee anbot. Wir unterhielten uns ein wenig, erfuhren von Andi, dass er zum Zeitpunkt des Erdbebens in Christchurch war und anschließen als Volunteer dort mit angepackt hatte, bekamen von den Australiern einige Vorschläge zwecks Melbourne und haben nun dank ihnen einen guten Australien-Plan. Wir unterhielten uns noch etwas länger über Deutschland und die DDR, da die beiden Australier daran sehr interessiert und darüber bereits auch sehr gut informiert waren. Sie hatten vor Jahren das Stasi-Museum in Leipzig besucht, waren selbst noch früher einmal in der DDR auf Reisen gewesen und waehnten sich gluecklich uns Ost-Exemplare live anzutreffen. Nachdem außer uns alle den Platz verlassen hatten, baten wir im Haus gegenüber um Hilfe wegen unseres Reifens. Hatten am Vorabend einen Tipp bekommen, dass wir bei dem alten Herren fündig werden würden. Wir wurden es! Nachdem der alte Kiwi sein Frühstück beendet hatte, lud er uns vor seine Garage ein und stellte uns seinen Kompressor zu Verfügung. Wir bedankten uns bei dem Mann und setzten die Fahrt fort, hofften, dass der Reifen die Luft halten würde. Er tat es! :-) Nach kurzem Abstecher zu den unspektakulären Niagara Falls, deren Benennung bloß ein Witz gewesen sein sollte, bogen wir ab in Richtung der McLean Falls. Ein 20min Wanderweg führte durch Regenwald, der an diesem sonnig-heißen Tag angenehm kühlen Schatten spendete. Feucht-moderiger Geruch, Farne, Lichtstrahlen, Moose, Bäche, Felsen und da: ein wunderschöner Kaskaden-Wasserfall vor schwarzem Stein inmitten des dichten Waldes. Wir kletterten ein wenig herum, fotografierten viel und wieder einmal wirkte das klare Wasser in dieser tollen Umgebung so verlockend, dass Wolfi direkt unterhalb des obersten, grossen Wasserfalls in einen dunklen Wasserpool sprang. Danach ging es per Auto weiter durch saftig grüne Weidelandschaften, ab und an Urwald mit Wasserfällen zu den Seiten, feine Sandstrände und Meer an der Küstenlinie. So sind die Catlins, der oft verregnete, aber schöne Süden Neuseelands! Erinnerte ein wenig an das Northland! Unser nächster Halt: Cathedral Caves. Felshöhlen am Meer, die nur begehbar sind bei Ebbe. Zugleich unser Treffpunkt mit den Jungs. Gegen fünf Dollar pro Person am Parkplatz durften wir uns auf den Weg in Richtung Strand machen. Nochmals durch Urwald hinab, direkt bis auf den schönen Sandstrand, dicht gefolgt von Aki, Lennart, Marian, Felix und Lorenz. Da waren sie also wieder! :-) Sie berichteten freudig, dass sie am Morgen noch einmal in der Curio Bay waren, wo Aki und Felix mit einigen Hector-Delfinen geschwommen seien! Hui, ganz ohne Delfin-Tour, einfach so im freien Meer! Cool! Die Cathedral Höhlen waren bereits begehbar und aus dem dunklen Inneren leise Gitarrenklänge zu vernehmen. Zwei Neuseeländer hatten sich da einfach mit einer Gitarre in die dunkle Felshöhle gesetzt. Haben ihnen ein bissl zugehört, mit den beiden geredet und nachdem auch Wolfi ein kurzes Höhlenkonzert gegeben hatte, machten wir uns wieder nach oben in Richtung Parkplatz. Nun ging die Fahrt im Rudel weiter. Auf einen Lookout-Point-Stopp folgte ein längerer Halt in Papatowai. In diesem Dorf gab es die „Lost Gypsy Gallery“, in welcher ein verrückter Bastler tausende Spielereien ausstellte und verkaufte. Kribbelig, bunt, überall bewegte sich etwas, blinkte es. Rundum Staunen auf den Gesichtern der Besucher. Echter Geheimtipp! Sollte man sich auf der Durchfahrt unbedingt anschauen! ;-) Einige Kilometer weiter hielten wir für die Purakaunui Falls – das Foto-, Postkarten-, Kalender-Motiv schlechthin! Waren schon toll, aber eingezäunt und übertrafen keinesfalls die McLean Falls. Auf der kleinen Wanderung zu den Fällen offenbarte uns Marian, dass er vor vielen Jahren mal irgendwo im Osten an einem 1000jährigen Baum gewesen war… :-D War ganz schön überrascht als wir ihm mitteilten, dass er sich dann nur wenige Kilometer von unserem Zuhause aufgehalten haben musste, der, an dem irgendwie ein guter Ossi verloren gegangen war… ;-) Auf der Weiterfahrt trieben wir eine Schafsherde vor uns her ueber die Schotterpiste und fanden bald unterhalb des Nugget Point unseren Schlafplatz, nachdem wir vom oberen Nugget Point Lookout den Leuchtturm, einige Seelöwen, das Meer und kleine Inseln bestaunt sowie Abendbrot gemacht hatten. In einer kleinen Bucht schlugen wir direkt am Meer unser Lage auf, dass durch die drei Autos sowie Lorenz im Zelt nicht mehr unbedingt unauffällig war… und das sich direkt hinter einem Camping-Verbotsschild befand… Endlich hatten wir hier seit Invercargill auch mal wieder etwas Handy-Empfang, erfuhren entsetzt wie sich die Situation in Japan entwickelt hatte, hörten von Atomunglück und erfassten erst jetzt richtig, welche Ausmaße das Erdbeben und dessen Folgen da annahmen! Das konnte doch nicht sein? Sah man hinauf in die funkelnden Sterne, über das weite Meer, schien die Welt so friedlich, war das schreckliche Geschehen 3000km entfernt so unvorstellbar! Wie konnte es hier so schön sein und dort eine solche Katastrophe passieren? Unfassbar!

Den gesamten Montag Vormittag verbrachten wir in unserer kleinen Bucht bei Tee, Kaffee, Angeln, Gitarre und Nichtstun, brachen gegen Zwölf in Richtung Dunedin auf. Unterwegs erhielten Wolfi und ich eine SMS vom Weingut, dass wir am 22.03. nochmals für sechs Tage zur Ernte arbeiten kommen könnten. Wir sagten erst einmal zu, müssen aber schauen, ob es tatsächlich mit unserer Route vereinbar ist. Interessant wäre es auf jeden Fall mal an einer Weinlese teilzunehmen! Nach mehreren kleinen Stopps am Wegesrand in Kaka Point, Balclutha (Tanken für 8,50$, in der Hoffnung bis Dunedin zu kommen, da wir kein Bargeld mehr hatten), Milton (Trödelladen) und Waihola am See erreichten wir am frühen Nachmittag Dunedin. Wir fuhren ein in eine der letzten großen Städte Neuseelands, die uns noch unbekannt war! Dunedin hat rund 120 000 Einwohnern, gilt mit seiner großen Uni als Studentenstadt, hält aufgrund des vulkanischen Untergrundes die steilste Strasse der Welt bereit, hat zudem schöne Strände sowie einen großen Hafen, an dessen Küste entlang man sich auf die Otago Halbinsel durchschlagen kann. Neogothische Bauwerke, darunter der berühmte Dunedin Bahnhof, und schöne Gärten verzieren die Stadt. Dunedin hat schottische Wurzeln, der Name selbst ist keltisch und bedeutet Edinburgh. Wir sind hier also im Edinburgh des Südens angekommen! Als kalt, klamm und nebelreich wird das Wetter beschrieben. Erster Weg führte uns in die Bibliothek zwecks Internet, dann I-Site, Einkaufen, Tanken und ab zu den Jungs an den St. Clair Beach, die schon lange von Dunedin schwärmten, weil sie ihr Surf-Glück hier finden wollten. :-) Während wir uns direkt an der schicken, relativ belebten Promenade Butterchicken mit Tortellini zum Abendbrot kochten, beobachteten wir Surfer in Monsterwellen. Auf einem nur wenige Meter entfernten Parkplatz neben Toiletten mit Blick auf Promenade und das Meer richteten wir unser Schlafquartier ein. Lorenz, der sein Zelt hier in der Stadt natürlich nicht aufschlagen konnte, baute sich sein neues Nest auf der Vordersitzbank von Marian und Felix. Kuschlig bei denen! Er und Lennart sind übrigens auch Waldorfschüler! Die wird man hier nicht mehr los, werden sogar immer mehr… ;-) War ein schöner Abend.

Nach einer verregneten Nacht und nassem Frühstück fuhren Wolfi und ich am Dienstag in die Stadt, kümmerten uns um einige Formulare für eine Steuerrückerstattung (naja…), ließen uns vom Grau des Himmels anstecken… Ich besuchte kurz den Shop der Cadbury-Schokoladen-Fabrik, die hier ihren Sitz hat, und traute meinen Augen kaum als ich vorm Supermarkt, wo Joy geparkt war, ploetzlich den alten Zacra aus Christchurch wiedererkannte! Der, der uns erstmalig an einem Abend auf dem Square vor der Kathedrale Jonglierbaelle in die Hand gedrueckt hat und der trotz unserer Weigerung irgendwie immer wieder versucht hat uns zu ermutigen. Ich lief auf ihn zu, fragte vorsichtig, ob er Zacra sei, erklaerte ihm, wer ich und Wolfi waren und er erinnerte sich! Er war zusammen mit seiner Frau nach dem zweiten Beben gefluechtet und hier in Dunedin untergekommen. Sein Haus stand zwar noch, aber sie mussten einfach raus aus dem Gebiet… „Christchurch is a mess!“ sagte er und schuettelte den Kopf. Trotzdem wuerden sie in einigen Wochen dorthin zurueckkehren. Ich erzaehlte ihm, dass ich das Jonglieren mit Tomomi weiter geuebt haette und er lachte. Wir verabschiedeten uns. So ein ueberraschendes Treffen! Nach kurzem Bibliotheksbesuch lief ich ganz schnell einmal entlang der Kirchen Dunedins durchs Zentrum mit den vielen Kneipen und Bars in den Seitengassen, die wirklich studentisch wirkten, schaute schnell das neugothische Bahnhofsgebaeude an – einer der schoensten Bahnhoefe der Welt – traf auf dem Weg zum dritten Mal Andi und sprintete zurueck zu Joy und Wolfi, der keine Lust auf die Stadtrunde hatte. Wir fuhren anschliessend zum Schwimmbad, wo eine richtige heisse Dusche seit langer Zeit fast Wunder bewirkte. Nach Pak’nSave Einkauf ging es wieder zu den Jungs auf unseren Platz am St. Clair Strand. Haben gegessen, gesessen, gequatscht und sind irgendwann ins Bett. Auch wenn es manchmal anstrengender ist im Rudel zu reisen, man ab und an noch laenger braucht um aus dem Knick zu kommen, vielleicht auch weniger Kontakt zu Einheimischen findet, weil man einfach unter sich ist, ist es doch toll mal laenger in netter Begleitung zu reisen!

Nach einer kalten Nacht wachte ich am fruehen Mittwoch Morgen auf, machte als die anderen noch schliefen, einen kleinen Spaziergang entland des Sandstrandes mit Blick auf ein tolles Morgenrot ueber dem Meer. Nach dem Fruehstueck fuhren Wolfi und ich Joy betanken. Endlich wieder einmal ganz voll! Wir dachten, wir sehen nicht richtig als die Anzeige auf 110 Dollar landete!!! So viel hatten wir noch nie bezahlt! 2,15 Dollar pro Liter Benzin – das war Rekord! Als wir in Auckland gestartet waren, hatten wir etwa 1,60 oder 1,70 Dollar gezahlt, unter 80 Dollar fuer eine komplette Tankfuellung. Nachdem die Mehrwertsteuer kurz darauf von 11% auf 16% angehoben wurde, war ein erster Preisanstieg spuerbar. Und nun machte sich Lybien auch hier ordentlich bemerkbar! Boah! Gemeinsam mit den vier Dortmundern und dem Mietnomaden Lorenz ging es anschliessend bei wunderschoenem Sommerwetter entlang der Hafenkueste auf die Otago Peninsula. Die kleine Halbinsel ist fuer ihr Wildleben bekannt. Man hat hier, so gut wie nirgendwo anders in Neuseeland, die Chance Albatrosse, blaue sowie Gelbaugen-Pinguine, Seeloewen und Pelzrobben zu beobachten. Nach etwa 35km entlang des Meeres durch kleine Hafenoertchen und begleitet vom Blick auf die gruenen Huegel der Halbinsel erreichten wir Taiaroa Head, wo das Albatross Zentrum verschiedene Touren anbot. Kaum ausgestiegen segelten ueber unseren Koepfen bereits die riesigen Lufttiere mit einer unglaublichen Fluegelspannweite von bis zu 3,5m! Royal Albatross – der Name passte zu diesen majestaetisch im Winde gleitenden Tieren. Ohne eine Tour zu buchen, konnten wir so vom Parkplatz und einem kleinen Beobachtungspfad aus den fliegenden Riesen zuschauen. Beeindruckend war das allemal! Im Info-Zentrum gab es noch einiges Wissenwertes rundum Albatrosse, Pinguine und andere Meeresbewohner zu erfahren und schon zogen wir weiter. In der Kolonne fuhren wir zu Allans Beach, durchwanderten eine Schafsweide und Sandduenen und fielen fast ueber einen dicken, braunen Seeloewen, der ganz faul und traege an einem Treibholz auf dem Sand in der Sonne brutzelte. So ein fettes, muedes Tier! Wahnsinn! Auch wir schmissen uns in den Sand wie der Loewe und lagen faul umher, kaputt von was auch immer. Anschliessend stand noch die Sandfly Bay an, welche jedoch nicht nach den lieben Insekten, sondern nach umher fliegendem Sand benannt wurde. Als wir sahen, wie tief es hinab bis ans Wasser ging, entschieden wir, dass der herrliche Lookout von oben ueber den feinen Sandstrand und die wuestenaehnlichen Duenen genuegte. Auch Pinguine schienen sich momentan dort nicht aufzuhalten, also traten wir von hier die Rueckreise nach Dunedin an. In der Stadt noch einmal Internet und wieder ab an den St. Clair Beach, wo wir Abendessen kochten und Felix sich mutig mit Surfboard und Wetsuite in die hohen Wellen stuerzte. Sah ziemlich anstrengend aus und die Wellen trieben ihn immer wieder in Richtung der Felsen. War nicht so ideal, aber mutig von ihm!

In der Nacht schuettete es maechtig. Ich stieg am fruehen Morgen des heutigen Donnerstags auf um endlich wieder Blog zu schreiben waehrend Wolfi und der Rest noch schliefen. Nach einem Bibliotheksbesuch traf ich mich mit den fuenf Jungs auf dem Uni-Gelaende. Sehr schick und gemuetlich, da kamen schon Jena-Gefuehle hoch. Im Studentenwohnviertel herrschte Leben, vielleicht eher sogar Chaos. Statt grossen Wohnbloecken wie in Lobeda hier kleine, einstoeckige Haeuser, zumeist ziemlich vermuellt, ohne Gardinen, Matratzen auf dem Balkon, Bierflaschen vor der Tuer. Viele gruen bekleidete, trinkende Studenten ueberall. Heute ist Saint Patrick’s Day, irischer Nationalfeiertag, der aber auch hier ordentlich gefeiert wird und das Strassenbild praegt. Nach kurzem Besuch der botanischen Gaerten, wo wir einen Typen namens Jan wiedertrafen, den sowohl Wolfi und ich von den Nelson Lakes als auch Felix und Marian vom Tongariro Crossing kannten (Zufaelle wieder…), haben wir Wolfi und die Autos eingesammelt und noch schnell die steilste Strasse der Welt angesehen. Sie heisst Baldwin Street und hat eine Steigung von 38%!!! Marian und Felix konnten es nicht lassen und haben tatsaechlich ihren armen, alten Toyota Hiace dort hinauf gequaelt! Der spuckte den schwarzen Qualm nur so aus seinem Auspuff, sah ziemlich bedrohlich aus… Doch sie haben es geschafft und sind sogar wieder heil hinuntergekommen. War auf jeden Fall ein Hingucker, sowohl fuer uns als auch fuer Anwohner und saemtliche umher stehende Touristen! Wir sitzen nun in der Bibliothek und ich schreibe den Artikel an einem PC ohne Ae, Oe, Ue und Eszet fertig… Hoffentlich stoert das beim Lesen nicht zu sehr! Leider haengt es momentan oefter mit den Artikeln… Ist nicht immer alles so einfach! Aber ich moechte unbedingt durchhalten, unsere Geschichte bis zum Ende aufschreiben… Schon komisch, so langsam wird spuerbar, dass die letzten sechs Wochen Neuseeland angebrochen sind. Zeit fuer die letzten Suedinsel-Ziele kalkulieren, sich bei Leuten melden, die man hier noch einmal treffen und wiedersehen moechte… Da waere Angie an der Westkueste, Jelle, die nun irgendwo selbst mit einem kleinen eigenen Auto unterwegs ist, Yanna und Marcus, die wie auch das Franzosen-Paerchen Nico und Marielle irgendwo in der Nelson-Region auf einer Plantage arbeiten, Hana mit ihrer Familie in Wellington sowie Vivian und Suzy auf ihrer Farm. Die Faehre muss gebucht, Campervan bzw. Hostel und anderes fuer Melbourne und Dubai organisiert, Autoverkauf-Flyer entworfen werden. In vielen Situationen mache ich nun noch ein oder zwei Fotos mehr um moeglichst viele Erinnerungen einzufangen. Beim Betrachten von Landschaften kommt manchmal ploetzlich der Gedanke, dass man das nun bald nicht mehr alltaeglich vorfinden wird und versucht es umso mehr aufzunehmen, genauer anzuschauen… Dieses ganze wunderschoene Land!

Ich moechte gern irgendetwas ueber Japan schreiben, doch ganz ehrlich weiss ich gar nicht so richtig was! Es ist einfach furchtbar, was dort geschieht waehrend wir hier so unbeschwert reisen. Ist das gerecht? Jeden Tag neue Schlagzeilen eines weiteren Brandes, der steigenden Strahlung oder von erfolglosen Kuehlversuchen… Wir denken an Natsgo, an ihre Familie, auch an Tomomis und Amys Familien, an Millionen andere Japaner und koennen uns kaum vorstellen, wie es all den Menschen wohl dort momentan ergeht! Was muss das fuer ein Gefuehl sein, in diesem kleinen, dicht besiedelten Land zu stecken, das nicht viel groesser als Neuseeland ist, erst durch das Erdbeben, dann durch die Wassermassen das eigene Haus, Familienangehoerige oder Freunde zu verlieren und nun dort zu sitzen in Ungewissheit und Angst vor den Strahlen und ihren Folgen. Was kann man da tun? Warum geschehen solche Dinge? Und wie froh sollte man sich doch schaetzen, nicht zu den Betroffenen zu gehoeren! Wie oft macht man sich das Leben schwer, obwohl es eigentlich gar keinen wirklichen Grund gibt… Was wuerden die Menschen, die irgendwo gerade beinah ihr Leben oder Angehoerige verloren haben, von unseren alltaeglichen, unnuetzen Streitigkeiten und Aergernissen halten? Man kann nichts an Geschehenem aendern, aber man kann aus Situationen das Beste machen, man kann Hilfe anbieten und annehmen und man sollte versuchen mit dem, was man hat, gluecklich zu sein. Warum faellt so etwas manchmal trotzdem nur so schwer? Wir hoffen sehr, dass die Kontrolle ueber das Geschehen in Japan bald wieder erlangt wird und sich dei Schaeden in Grenzen halten.

Wir gruessen euch aus dem nieseligen Dunedin, wo es nun Abendbrotszeit ist. Passt gut auf euch auf und entschuldigt diesen unlesbar langen Text! Bis zum naechsten Mal irgendwann!

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