Von West nach Ost im Dauerregen – Welcome back in Christchurch!

Halb Vier trafen wir uns am Sonntag Nachmittag mit Angie vorm Highway-Kiosk Runangas, vor dem sie uns einige Wochen zuvor nach einem Tee in ihrem schönen Paradies wieder abgesetzt hatte. Damals waren wir auf Hitchhike-Tour von Greymouth zurück nach Christchurch und Angie die erste, die für uns anhielt, inklusive Einladung zu ihr nach Hause. :-) Pünktlich kam die quirlige, kleine Dame mit ihrem großen Jeep vorgefahren. Wir umarmten uns lachend und sie forderte uns auf ihr zu folgen. Eine einstündige Wanderung zu den Coal Creek Falls nahe ihres Heimatortes hatte sie uns schon damals versprochen. Wir parkten die Autos und machten uns bei grauem Himmel auf. Würde die West Coast uns zum Abschied doch noch ihre Regenseite zeigen? Wir zogen vorüber an leuchtenden Fliegenpilzen, verbogenen Bäumen und schwefelartig riechenden Wässerchen… schön hat sie es da in ihrer Umgebung! Angie erzählte uns, dass sie nachdem sie uns damals wieder am Straßenrand abgesetzt hatte, ganz neugierig unsere Blogseite besucht und den Artikel, in welchem sie selber vorkam, mithilfe des Google-Übersetzungsdienstes gelesen hatte. Sie fand sehr lustig, dass wir auf die blauäugig-blonden Jünglinge der sektenartigen Gemeinschaft gestoßen waren und wie unsere Hitchhike-Reise überhaupt weiter verlief. Außerdem erzählte sie, dass sie nach uns noch zwei weitere Male Hitchhiker mitgenommen hatte, unter anderem zwei deutsche Zimmermänner auf Walz. Und als wir da so am Bergab und Bergauf und Unterhalten waren, neben uns schon der Fluss auftauchte, setzte Regen ein. Wir ließen uns nicht aufhalten und standen wenige Minuten später vor den Coal Creek Falls, die sich da zwischen den dichten Urwaldpflanzen versteckten. Tolle Wasserfälle, auch im Regen! Als wir etwas durchnässt wieder bei den Autos ankamen, drückten wir Angie zum Abschied und fuhren hupend davon! War toll, sie noch einmal gesehen zu haben und einen ihrer Lieblingsplätze mit ihr besucht zu haben. Für uns ging es nun weiter in Richtung Arthur’s Pass nach Osten – weg von der atemberaubenden Westküste, die uns mit ihren vielen Facetten unendlich begeistert hatte! Am Denkmal der alten Brunner Miene (Schlafplatz der Vornacht, aber gegenüberliegende Flussseite) hielten wir an, wollten unbedingt noch kurz die Überreste der Ziegelhäuser und Mienenschächte anschauen. Hier ereignete sich vor etlichen Jahren eines der größten Mienenunglücke Neuseelands. Aufgrund des Regens hielten wir das Umschauen sehr knapp. Kein tolles Wetter für solche Ausflüge! Weiter ging die Fahrt bis nach Lake Brunner, an dessen Seefront wir unseren Übernachtungsplatz fanden. Schon um Sieben dunkel, ekelig nass draußen – was will man da machen? Um Acht ins Bett, noch bissl am Laptop und im Buch versinken, einschlummern.
Hat zur Folge, dass man eben auch wieder früher wach wird. Schon kurz nach Sieben schwang ich mich in einer kleinen Regenpause aus dem Bett und lief über eine Hängebrücke, entlang des Seeufers sowie ein Ründchen durch den Wald. Ein Kingfisher saß dort in der morgendlichen Stille auf einem der Seilzüge. Kleines Vögelchen mit langem Schnabel. Der See lag ruhig, graue Wolken darüber, einige Berge in der Ferne, ab und an mal ein einzelner Sonnenstrahl, der sich seinen Weg durch die Wolkendecke bahnte und irgendwo auf der Seeoberfläche für wenige Momente auftraf. Der Wald unterschied sich nun schon sehr deutlich von dem der Westküste. Es begann wieder zu regnen, ich legte einen schnelleren Schritt ein und kam bald wieder am Auto an, in dem Wolfi gerade im Bett liegend am Frühstücken war. Kurz darauf brachen wir auf. Damals fuhren wir die Strecke mit dem TranzAlpine in Richtung Westen, dieses Mal bei schlechtem Wetter mit Joy gen Osten. Man sah nicht allzu weit, Dunst hing in den höher werdenden Bergen des Arthur’s Pass, steil ging es neben uns herab. Die Bahnschienen begleiteten uns oft. Graue Flusstäler, viele Wasserfälle, Brücken und Lookouts entlang unseres Weges. Sah schon toll aus – so weit, tief, hoch, groß. Wegen des Regens schauten wir jedoch fast alles bloß aus dem Auto heraus an. Otira, ein kleines Bergdörfchen kurz vor der Arthur’s Pass Siedlung, lohnt einen Abstecher. Kunterbunte Häuser stehen hier mitten zwischen den hohen, grünen Alpenbergen und qualmen aus ihren Kaminen ganz ruhig vor sich hin. Im Arthur’s Pass Dorf besuchten wir kurz das Info-Center, wollten anschließend dem TranzAlpine bei der vormittäglichen Einfahrt zuschauen. Der Zug hatte aber Verspätung. Nass und leicht durchgefroren entschieden wir uns für ein Cafe, holten uns heißen Kakao und einen großen Milchkaffee, verbrachten so am Panoramafenster sitzend den halben Tag. Ziemlicher Luxus für unsere Verhältnisse! Draußen die Berge, der Regen, ab und an Touristenrudel oder einzelne Gäste, die nass hereinspazierten um sich aufzuwärmen. Wir saßen am Laptop, gönnten uns später sogar noch einen leckeren, heißen Steak-Pie. Die Klamotten trockneten langsam. Wir riefen Marian an, der mit dem Rest gerade in Nelson steckte und seinen Geburtstag feierte. Happy Birthday noch einmal! :-) Ich nahm Kontakt auf zu unseren Christchurcher Bekannten. Schließlich würden wir bereits am selben Abend schon in Christchurch landen, unser Versprechen halten, die Stadt noch einmal zu besuchen! Wussten noch immer nicht, welcher Anblick uns erwarten würde, ob und wen wir wiedersehen würden und was genau wir dort überhaupt tun konnten. Von Sean hatten wir schon vor einigen Tagen erfahren, dass er von seinen ursprünglichen Plänen abgewichen und von der Nordinsel zurück nach Christchurch gekehrt war. Dort lebte er nun mit und bei seiner Schwester und deren Freund, arbeitete irgendwo und wollte uns gern wiedertreffen. Tomomi, der jonglierende Japaner, rief mich auf meine SMS hin sogleich zurück, berichtete, dass er mit Amy gerade in Auckland steckte und von dort auf der Suche nach neuem Job und neuer Wohnung in Christchurch war. Beides hatte er durch das Erdbeben verloren. Wir würden in Kontakt bleiben, uns dann vielleicht in Auckland sehen. Pascal, der schweizerische Zirkusschüler (mein Prinz), war nur noch wenige Tage in Christchurch und lud uns zu seiner Abschiedsfeier ein. Wo würde es für ihn anschließend hingehen? Ne, oder? Nach Melbourne! Mal wieder ein Zufall! Dann würden wir den ja bei unserem Zwischenstopp im Känguru-Land nochmals treffen! Vielleicht könnte er uns dort bei einer Schlafmöglichkeit weiterhelfen, uns die Stadt zeigen oder so! :-) Ahja und dann erreichte uns noch eine brandneue Mail mit Infos über ein Kerlchen! Hat zwar nix mit Christchurch zu tun, aber wo wir doch einmal bei alten Bekannten sind: „Kleines Raupi“ unser Geocache-Reisecoin ist momentan in Ohio/USA unterwegs! Wurde dort gerade in ein neues Versteck getragen! Muss sich ganz schön ran halten um noch vor uns wieder Zuhause anzukommen! :-) Der Regen wollte und wollte nicht mehr enden, so schien es. Wir hatten eigentlich vorgehabt, die berühmten 131m hohen Punchbow Falls am Arthur’s Pass in einstündiger Wanderung aufzusuchen und zu bestaunen, doch ließen wir das ausfallen. Gerade wieder trocken und halbwegs warm entschieden wir uns für die Weiterfahrt… Schade, denn schön sollten die Wasserfälle laut den Jungs wirklich sein! Wir machten uns auf der Weiterfahrt durch die Berge Lakritz-Tee (unsere NZ-Tee-Spezialität), stoppten im Regen kurz am Lake Pearson und vor Sandsteinhöhlen, leider jedoch wetterbedingt noch immer zu unlustig für irgendeine Unternehmung. Durch Springfield und Darfield fuhren wir hinein in die Canterbury Plains, die sich den Bergen nun anschlossen und erreichten in der Dunkelheit gegen Sieben die ersten Vororte Christchurchs. Nach Abendbrot im Auto, hielten wir am ersten Supermarkt um Vorräte aufzufüllen und stürzten ins erste McDonalds, das sich am Straßenrand zeigte. Dort saßen wir bis nach Zwölf im Warmen, am Laptop. Zwecks Schlafplatz fuhren wir ahnungslos weiter in Richtung Zentrum. Unser alter Platz am Avon-River würde sicher innerhalb der Sperrzone liegen. Christchurchs Innenstadt war abgeriegelt. Soldaten standen mit Maschinengewehren vor den Absperrungen, so hatten wir gehört, noch nicht selbst gesehen. Die Tore des sonst stets Punkt Neun abgeriegelten Hagely Parks standen noch offen. Vielleicht weil dieser anfangs als Flüchtlingslager diente und in der Stadt noch immer keine alte Ordnung eingekehrt war. Wir sahen einige Absperrungen auf den Straßen, einige eingestürzte oder beschädigte Gebäude ließen sich ab und an in der Dunkelheit erahnen, auf Verkehrsschildern ging es oft nicht mehr in angezeigte Richtungen. Wir entschieden uns aus Müdigkeit einfach in den Hagley Park Zugang zu fahren, kamen dort allein auf einem Parkplatz zwischen den Bäumen des Parks zu stehen. Genau hier hatten wir vor Wochen an einem unserer Busker-Abend Sandwiches gegessen mit Blick auf den Fluss, an einem hellen Sommerabend. Komisch! Nun im Regen und Dunkelheit wieder am selben Platz in der selben Stadt, die laut so vielen Berichten aber nicht mehr die selbe war.
Wir schliefen gut und erwachten um Acht am heutigen Dienstag Morgen. Regen! Immer noch Regen! Wir fuhren nach schnellem Autofrühstück stadteinwärts. Viel Verkehr, viel gesperrt, noch mehr eingestürzte Häuser. In einem hing bloß noch die Toilettenrolle von der ehemaligen Bad-Wand – direkt offen zur Straße, weil die Frontseite des Hauses nicht mehr stand. Etwas weiter war ein Seitenstreifen der Hauptstraße um zwanzig oder dreißig Zentimeter abgesackt, es klaffte ein schwarzer Spalt. Und gerade als ich diese Zeilen tippe, bebt es im selben Moment unter uns! Der McDonalds wackelt leicht, die Leute schauen auf und mir ist plötzlich etwas mulmig im Bauch. Genau jetzt!!! Bei diesen Zeilen passiert das! Huh…, aber solche Nachbeben gehören hier sicher zum Alltag. Immerhin haben sich draußen gerade die fetten Wolken verzogen und Sonne blitzt durch. Wenn man durchs Fenster schaut, sieht man direkt auf die Moorhouse Ave. Busse und Autos fahren ununterbrochen, ein Haus gegenüber ist abgesperrt und zur Hälfte zerstört. Daneben befinden sich Countdown und Pak’nSave, in denen wir damals fast täglich einkaufen waren. Sind beide scheinbar unbeschadet. Gibt natürlich viele Ecken und Stellen, die dem Erdbeben glimpflich entkommen sind! Das Stadtleben geht weiter, aber die Kulisse hat sich doch etwas verändert. Viele „Yes, we are open!“ Schilder entlang sämtlicher Straßen der Stadt zeigen, dass Shops (wieder) geöffnet sind. Polizei ist allgegenwärtig, tankt gerade ihre Becher an den McDonalds Spendern auf und Soldaten kommen zur Mittagspause hereinspaziert, neben Frauen und Männern in schicken Büro-Anzügen, die ebenfalls ihren Arbeitsplätzen zum Mittag entfliehen. Komischer Anblick. Wir werden uns jetzt mal auf Dusche-Suche machen, wollen ja heute Abend bei Pascals Abschiedsfeier nicht im schrecklichsten Backpacker-Look auftauchen! :-D Adios und viele Grüße aus Christchurch, das uns auch bei diesem Besuch wieder in seinen Bann zieht!

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